Zum Wesen des Menschen

vom

[Dieser Artikel ist für den Standort des Projekts viel zu kompliziert und wird überarbeitet.]

Der vorletzte Artikel handelte vom Bewusstsein des Menschen , der letzte vom Sinn des Menschen, und dieser handelt vom Wesen des Menschen. Wir unterscheiden dafür nun drei Begriffe, die in diesem Artikel zwar unterschieden, aber noch nicht näher betrachtet werden, nämlich den Spirit, das Pneuma und die Monade.

Spirit, Pneuma und Monade

Das rein geistige Bewusstsein verbinden wir mit dem „Spirit“, den Sinn verbinden wir mit etwas, das wir „Pneuma“ nennen, und das Wesen schliesslich knüpfen wir an den Begriff „Monade“. Die drei Begriffe beschreiben bestimmte Aspekte von Geistigem; sie beschreiben jeweils unterschiedliche Eigenschaften des Geistigen. Was Spirit, Pneuma und Monade sind, und wie sie sich voneinander unterscheiden, das schauen wir in einem späteren Artikel näher an.

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht noch einmal zu wiederholen, wie wir das Bewusstsein unterteilen in das rein geistige und in das menschliche. Das rein geistige Bewusstsein ist das Bewusstsein das wir haben, wenn wir keinen Leib damit verbunden haben. Das rein geistige Bewusstsein ist erst im Nachtodlichen und im Tiefschlaf für sich. Das Bewusstsein aber, das im wachen Menschenleib erlebt wird, ist kein rein geistiges, sondern eines, das wir das „menschliche“ Bewusstsein nennen. Der Mensch hat einen Leib und ein rein geistiges Bewusstsein, aber in der Verbindung mit dem Leib verändert sich das rein geistige Bewusstsein zu einem Bewusstsein, das ununterbrochen vom Leib beeinflusst wird. In das menschliche Bewusstsein spielen die Wirkungen von Hormonen hinein, von allerlei Nervenreizen, von Gelüsten und Ängsten, usw. Das rein geistige Bewusstsein dagegen wird von solchen physischen Wirkungen nicht beeinflusst. Das Bewusstsein im Menschenleib ist somit das menschliche Bewusstsein, nicht das rein geistige.

Das menschliche Bewusstsein ordnen wir nicht zum „Spirit“, denn das menschliche Bewusstsein unterliegt anderen Gesetzmässigkeiten als den spirituellen (also rein geistigen), wir verbinden aber das rein geistige Bewusstsein mit dem Spirit, oder wir nennen es Spirit. Der Spirit ist das Bewusstsein in jedem noch so kleinen, abstrakten oder verkehrten Zustand, Gegenstand oder sonstigem Sein, aber auch das Bewusstsein in grössten, wirklichsten und wahrsten Seinsarten. Kurz: der Spirit ist das Bewusstsein in allem.

Zum nächsten verbinden wir den „bestimmenden Sinn“ mit dem Begriff Pneuma (dem göttlichen Atem). Auch hier ist es angebracht zu wiederholen was wir unterscheiden; welche Sinne wir voneinander abgrenzen. Wir unterscheiden den bestimmenden Sinn von den wahrnehmenden Sinnen. Der bestimmende Sinn beschreibt den Zweck des Zustandes einer Sache, oder den Zweck einer Sache an sich. Das ist die Bestimmung einer Sache. Den bestimmenden Sinn verbinden wir mit dem Pneuma, das auch als das Göttliche bezeichnet werden kann.

Das Wesen (des Menschen)

Nun kommen wir zum Wesen (und von da aus dann zum Begriff der Monade). Das „Wesen“ lässt sich weder messen noch beweisen. Es ist notwendigerweise Teil von Grösserem, und es besteht weiter aus Kleinerem; und wie es teilhat und an ihm teilgehabt wird, ist es gleichwohl ein Teil wie auch ein Ganzes.

Stellen wir uns für ein Gedankenexperiment ein Wesen vor, das nicht an Grösserem teilhat, das nicht von etwas Grösserem ein Teil ist, das keine Beziehung zu anderen Wesen hat, und das nicht aus Kleinerem besteht – wie zeigte sich uns ein solches Wesen? Es zeigt sich überhaupt nicht, denn es kann überhaupt nicht sein. Es könnte vielleicht dadurch sein, dass wir es, als andere Wesen, betrachten, aber dann würden wir die Prämisse des Gedankenexperiments aufgeben, in der das Wesen komplett alleine ist. Ein Wesen muss sich notwendigerweise mit anderen Wesen überschneiden, um (ein Wesen) sein zu können.

Das Wesen ist eine Qualität, die zu ihrem Betrachter in einer Beziehung steht, und der Betrachter ist wiederum ein Wesen. Das Wesen steht mit unzähligen anderen Wesen in einer jeweils einzigartigen Beziehung, es lässt das Andere auf sich einwirken, während es sich auf Anderes auswirkt. Das Wesen ist der geistige Kern einer Sache, es ist die Essenz eines jeden Seins. Wo der Spirit ein Bewusstsein hinbringt (für einen Gegenstand wäre das z.B. das Bewusstsein eines Elementarwesens), da bringt die Monade den geistigen Wesenskern hin.

Das Wesen ist dem Betrachter nicht diese eine Sache, sondern etwas, das dem Betrachter von sich nur dasjenige zeigen kann, das zum Betrachter eine Familiarität (Bekanntheit, Ähnlichkeit) oder eine ihm bekannte Gegensätzlichkeit hat, oder etwas ist, das der Betrachter an jenem Wesen sehen will. In anderen Worten ist ein jedes Wesen immer zum Teil etwas Verborgenes, das dem Betrachter unerkenntlich ist, weil durch die Unvollständigkeit (die nicht-Absolutheit) des Betrachters dem gleichen etwas am Wesen, das er betrachtet, fremd sein muss. Das gilt auch für die Selbstwahrnehmung des Wesens: sich selber zu durchschauen bedeutet dem Wesen den Beginn einer inneren Veränderung (ein qualitatives Wachstum), bis das Wesen sich nicht mehr vollständig durchschauen kann. Nur das absolute Wesen kann sich anhaltend vollständig begreifen, und ein nicht absolutes Wesen, das sich begreift, widerspricht seinem nicht-Absolutsein. Und so ist das nicht-Absolute, sich selbst durchschauende Wesen gezwungen, in sich gewisse Eigenschaften auszubilden und zu entwickeln, die ihm dann wieder verborgen sind.

Das Wesen hat also eine Natur, die sich nur dort zeigt, wo das Wesen durch ein Verstehen herausgelockt wird, oder wo das Wesen durch das (meist unangemessene) Zuweisen in eine bestimmte Form gedrückt wird. Wo wir schon bei der Form sind: die Form ist dem Wesen das Fremdeste, denn es hat keine Form, weil es kein Äusseres hat. Das Wesen gehört wohl zu einer Form, oder es gehört eine Form zu ihm, aber es ist nie eine.

Damit ist zwar beschrieben, dass etwas am Wesen immer irgendwann unsichtbar ist, aber es ist damit nur spärlich erklärt, warum genau das so ist. Warum hat das Wesen verborgene Anteile an sich? Das liegt an der Natur des Geistigen, das trotz all der Verbundenheiten, Wechselwirkungen usw. zu anderen Wesen immer auch ein Ganzes zu sein hat. Das Wesen ist etwas Abgeschlossenes, etwas Abgerundetes, obwohl es so viel Teilhaftigkeiten zu anderen, insbesondere höheren Wesen hat. Dies ist aber noch immer eine Beschreibung von Eigenschaften, noch nicht eine Erklärung.

Hier entstehen bald einmal Vorstellungen, die uns die Begriffe verwirren. Diese innere „Abgeschlossenheit“ des Wesens wird bildhaft gerne als „Kugel“ bezeichnet, aber das ist in meinen Augen – besonders für die an materialistisches Denken gewöhnte Menschen – etwas das nur zu noch mehr Verwirrung führt. Denn weiter oben wurde gesagt, dass das Wesen keine Form hat, sondern lediglich zu einer (physischen) Form gehört (diese Form kann zwar eine Kugel sein, die meisten Formen sind jedoch nicht kugelig). Das Wesen an sich hat keine Form, keinen äusseren Abschluss, und die veranschaulichende Vorstellung der Kugelform ist ganz besonders irreführend, weil daran durch die Sprache des Vergleiches viel Wahres ist, da das Wesen notwendigerweise etwas Allseitiges, Abgerundetes ist. Warum also hat das Wesen verborgene Anteile an sich? Um das zu beantworten, brauchen wir die Hilfe des Gottfried Wilhelm Leibniz (GWL).

Die Monadologie

Um das Wesen des Menschen bestimmen zu können, brauchen wir nun die Hilfe des Leibniz und dessen Monadenlehre, denn seine Beiträge hierzu sind keineswegs exzentrische Ausfälle eines sonst genialen Werkes, wie die Monadologie häufig abgewertet wird, sondern von grösstem Wert um allerlei grundlegende Qualitäten des Geistigen aufzuschlüsseln.

Für die Erklärung zu den verborgenen Anteilen im Wesen gebrauchen wir erstens den Abschnitt 63 der Monadologie:

Der Körper der zu einer Monade gehört, die seine Entelechie [Anm: übersetzt „das Ziel in sich“] oder Seele ist, konstituiert mit der Entelechie das, was man ein Lebewesen nennen kann, und mit der Seele das, was man ein Tier nennt. Nun ist dieser Körper eines Lebewesens oder eines Tieres immer organisch; da nämlich jede Monade auf ihre Art ein Spiegel des Universums ist, und das Universum eine vollkommene Ordnung besitzt, muss es auch eine Ordnung in dem Vorstellenden, d.h. in den Perzeptionen [Anm: Wahrnehmungen] der Seele und folglich in dem Körper geben, der [Ordnung, der] gemäss das Universum vorgestellt wird.

Wir sehen im inneren Wesen also einen kleinen Spiegel des Universums, der ein bisschen anders spiegelt, als all die anderen Spiegel; als all die anderen Wesen. Die gewaltige Schönheit des Textes zeigt sich weiter an Abschnitt 61 davor:

Auf diese Weise stimmt das Zusammengesetzte mit dem Einfachen überein. Da nämlich alles voll ist und somit die gesamte Materie zusammenhängt und da im Vollen jede Bewegung eine Wirkung auf entfernte Körper ausübt, und zwar nach Massgabe der Entfernung [Anm: wohl auch „Entfernung“ in qualitativem Sinne], so dass jeder Körper nicht nur durch diejenigen berührt wird [Anm: „berührt“ wohl in Anführungszeichen], die an ihn angrenzen, und in gewisser Weise alles das verspürt, die an jene ersten angrenzen, durch die er unmittelbar berührt wird, so folgt, dass sich diese Kommunikation über eine beliebige Entfernung erstreckt. Und folglich verspürt jeder Körper alles, was sich im Universum ereignet, so dass jemand, der alles übersieht, in jedem lesen könnte, was sich überall ereignet, und selbst das, was geschehen ist oder geschehen wird, indem er in der Gegenwart bemerkt, was hinsichtlich der Zeiten ebenso entfernt ist wie hinsichtlich der Orte: συμπνοια παντα [Anm: sympnoia panta, alles stimmt miteinander überein], sagte Hippokrates, was in ihr [der Monade] klar vorgestellt wird, und sie kann nicht auf einmal alle ihre Einfaltungen auseinanderlegen, da diese ins Unendliche gehen.

Daraus ist zu lesen, dass der Spiegel (die Monade, oder die Spiegelqualität der Monade) nicht einen winzig kleinen Ausschnitt des Universums zeigt, der der Winzigkeit des von uns betrachteten Wesens entspricht, sondern dass er das ganze Universum widerspiegelt, aber das Ganze in einer einmaligen Färbung. Leibniz sagt anderswo in der Monadologie von den „Maschinen der Natur“ (den Lebewesen), dass sich diese von den Maschinen der Kultur (tatsächlichen Maschinen) dadurch unterscheiden, dass die Naturmaschinen, also die Körper, in jedem einzelnen ihrer Teile wieder ein Ganzes sind, dass also die einzelnen Teile die grössere Maschine darüber widerspiegeln, während die Kulturmaschinen (die metallischen Geräte mit Antriebswellen, Motoren, usw) wirklich nur eine einzelne Aufgabe haben, und in gewissem Sinne nicht das Ganze vollständig repräsentieren können (Anm: auch wenn sie z.B. durch die Qualität „metallisch“ doch etwas von der Qualität des Ganzen darzustellen vermögen).

Was sagt uns das alles nun zur Verborgenheit? Es sagt uns, dass sich uns die Dinge nicht verbergen, dass wir sie nur nicht sehen. Die Verborgenheit liegt nicht an der Natur des betrachteten Wesens, sondern an der Natur unserer nicht-absoluten Wahrnehmung. „Wir sehen nicht“ bedeutet nicht notwendigerweise, dass „nichts zu sehen ist weil verborgen/nicht vorhanden ist“, sondern dass unsere Aufassung, unsere Augen oder unsere Sicht für den Gegenstand nicht genügen.

Die (in der Gegenwart fast überall) ungenügende Sicht auf das Geistige überhaupt ist das, was in der Anthroposophie als durch die Hüter der Schwelle verursacht beschrieben wird. Die Hüter der Schwelle verhindern nicht das Überschreiten der Schwelle, sondern sie nehmen dem Menschen beim wiederholten und ständigen Überschreiten jedes Mal die Sicht auf die Dinge, die sich hinter der Schwelle zeigen. Die Schwellen müssen nächtlich und nachtodlich notwendigerweise überschritten werden, damit allerlei notwendige Kräfte aus dem Geistigen geschöpft werden können, aber die Schwellen werden durch das Eingreifen der Hüter von den meisten Menschen nicht mit klarer Sicht überschritten. Dadurch hat der Mensch nicht nur eine natürliche Blindheit für das volle Ausmass der Monaden, sondern auch eine erzwungene.

Zusammenfassung

Es scheinen sich zum Thema der Monade, oder dem Geistigen überhaupt, sehr viele Türen zu öffnen, und so drängt sich auf, im Erkunden der Räume hinter den Türen eine angemessene Reihenfolge zu wählen, und darin Entscheidungen darüber zu fällen, was nicht angeschaut werden kann, und diesen Artikel mit einer Zusammenfassung abzuschliessen. Wir sind uns hierbei unsere eigenen „Hüter“ einer Schwelle.

Wir gebrauchen die Kategorie der Monade für das Wesen, finden für das Beschreiben vom Bewusstsein und vom Sinn andere Kategorien als die Kategorie der Monade aber passender. Wir sehen, dass die Monade Teil von grösseren Monaden ist, und weiter kleinere Monaden umfasst. Und obschon die Monade nur ein Teil vom Grösseren ist, repräsentiert sie doch alles, selbst das Grösste, das wir Universum nennen. Was wir von der Monade verstehen, die wir betrachten, hängt vor allem damit zusammen, was davon zu uns genügend Ähnlichkeit hat (ohne dabei zu uns zu gleichartig zu sein), damit wir es aufnehmen können. So beschreibt sich das Wesen, und gleichzeitig das Wesen des Menschen. Zum Wesen des Menschen selber sollte, um dem Titel dieses Artikels (und dem Anthropomorphismus überhaupt) gerecht zu werden, wohl noch etwas mehr auf den Menschen eingegangen werden.

Anmerkung 24.1.24: Es ist mir nicht gelungen, das Wesen des Menschen von anderen Wesensarten, wie Tier- oder Engelswesen zu bestimmen, und so liegt mir der Schluss nahe, dass sich die Monade beim Menschen was Gesetzmässigkeiten anbelangt, mehr als weniger gleich verhält wie bei anderem. Es scheint so angemessen zu behaupten, die Monade kümmere sich nicht um den Unterschied zwischen Tier, Mensch, Engel usw, ausser dass sie hier etwas weniger, und dort etwas mehr Fülle haben mag. Dies führt weiter zum Schluss, dass es Weltanschauungen gibt, die näher beim Menschen liegen als andere, was für den Anthropomorphismus für folgende Artikel wohl einen etwas angepassten Vorgang verlangt, als bisher geplant. Weiter meine ich ein Prinzip des Weiblichen bei der Monade zu sehen (während sich ein Prinzip des Männlichen wohl beim Gegenpol, dem Mathema finden lässt).