Willst du dich selber erkennen, so sieh, wie die andern es treiben, Willst du die andern verstehn, blick in dein eigenes Herz.“
Friedrich Schiller, Tabulae Votivae, in: Musen-Almanach für das Jahr 1797
Vereinfacht und doch vergrössert durch Rudolf Steiner: „Schau in dich selbst, erkenne die Welt; schau in die Welt, erkenne dich selbst“1.
Begriffe
In diesem Artikel geht es aber nicht um den Begriff des Erkennens, sondern um die Wahrnehmung des Physischen, dennoch sollte kurz gesagt werden, was das Erkennen denn ist. Erkenntnis geschieht durch eine Aktivität der Seele und des Geistes des Menschen. Das „Erkennen“ ist eine Tätigkeit die aus den Tätigkeiten Wahrnehmen und Denken entsteht, so wie das „Mauern“ das Transportieren von Backstein und das Mischen von Mörtel bedingt. Das Produkt des Erkennens ist die Erkenntnis. Das erlaubt folgenden Schluss: jede Aktivität hat ihr Produkt oder ihre Folge, und oftmals ermöglicht eine Aktivität dazu noch andere Aktivitäten.
So wie ein bestimmtes Werkzeug dem Menschen bestimmte „Arbeit“ ermöglicht, so ermöglicht ein jeweiliger physischer Sinn dem Menschen eine jeweilige „Wahrnehmung“.
Wir unterscheiden das „Instrument“ von der „Aktivität“, und die Aktivität vom „Produkt der Aktivität“. Das Thema dieses Artikels sind diese Instrumente der Wahrnehmung, die Sinne. Daraus eine Frage für den denkenden Leser: wenn die Aktivität das Denken ist, und das Produkt des Denkens der Gedanke, was ist dann das Instrument, das das Denken ermöglicht?
Wir unterscheiden zuletzt noch das Wahrnehmende (der Mensch) vom Sinn (Fühler), und die beiden wiederum vom Wahrnehmungsgegenstand (Innenleben, Aussenwelt, oder [indirekt] Göttliches). So viel zu den Begriffen, nun zum eigentlichen Thema.
Der physische Sinn
Was ist ein physischer Sinn? Ein einzelner physischer Sinn, unter den physischen Sinnen, ist ein Fühler des Menschen, durch den der Mensch zuerst die Welt, dann sich selber, und sehr begrenzt und indirekt das Göttliche wahrnimmt – sofern er durch ein übersteigertes Sebst dem Göttlichen nicht allen Platz wegnimmt. Es ist in der Gegenwart aber nur gut und recht, wenn der Mensch sein Selbst auf Kosten des Göttlichen ausdehnt, und er dadurch auf sich selber gestellt ist. Diese Fühler gehen einerseits vom Menschen aus weg, hin zum Gegenstand, zur Kreatur oder zu sich, deren Erscheinung vor dem oder im Menschen auftritt. Andrerseits öffnen die Fühler die Wahrnehmung des Menschen für die „andere Richtung“, wie einleitend zum Artikel zitiert. Das heisst: Schaut der Mensch in die Welt, so gibt er etwas von sich in die Welt hinaus. Schaut er in sich, so giesst er die Welt in sein Innenleben ein. Er stülpt sich somit nach aussen, und „sieht“ sich von aussen. Somit ist das Wahrnehmende am Menschen beweglich, mal in ihm nach aussen, mal aussen nach innen – so beweglich, dass es unabhängig vom Physischen sein muss. Für uns heisst das: das Wahrnehmende ist nicht beim Leib des Menschen, es muss bei einer anderen Substanz zu finden sein. Es gibt keine Möglichkeit, sich mit etwas anderem als durch diese physischen Sinne mit den physischen Wahrnehmungsgegenständen zu verbinden, und dabei noch immer den Gegenständen gerecht zu bleiben.
Die Fühler nehmen auf, was ihnen entspricht und was sie selber sind, in welche Richtung auch immer sie ausstrahlen mögen. Was einem Menschen aber in keiner Weise entspricht, das ist jenem Fühlenden ohne Existenz – sein dafür vorhandener Fühler scheint für den entsprechenden Gegenstand blind zu sein. Der Tastfühler spürt die Berührung; der Hörfühler nimmt Klänge, Töne und Geräusche wahr; der Sehfühler nimmt alles Beleuchtete wahr, usw. Der gesunde Fühler kann dem Menschen alles zeigen, das der Mensch selber an sich hat, so wie ein Bildschirm dem Auge zeigen kann, was der Computer oder der Server macht. Ist der Bildschirm aber kaputt, so heisst das nicht, das im Computer nichts mehr geschieht, sondern dass das Verbindungsglied (in der Fachsprache „Interface“) zwischen Auge und Computer weggefallen ist. Ein solches Verbindungsglied sind die Fühler des menschlichen Leibes. Der beschädigte oder kranke Fühler rechtfertigt uns keinen Schluss über seinen Menschen, oder über die Wahrnehmungsgegenstände vor dem Menschen. Es muss zwischen Fühler (Sinn), Fühlendem (Mensch) und Gefühltem (Gegenstand) unterschieden werden, um aus Wahrnehmungen in der richtigen Weise zu schliessen.
Die Sinne haben ihr Zuhause in der Leibesorganisation des Menschen, und das meiste an ihnen geschieht unbewusst, selbst bei den Fühlern, die der Mensch bewusst steuern kann. Am Leib können wir z.B. den Puls beeinflussen indem wir rennen oder ruhig atmen, aber wir können ihn nicht selber steuern, wie wir etwa die Atmung steuern können. Und doch geschieht das Atmen, ohne dass jeglichste Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden muss; sonst würden wir entweder im Schlaf ersticken, oder nicht mehr schlafen. So geschieht vieles am Leib ohne bewusste Kontrolle, und weil die Sinne zum Leib gehören, geschieht auch vieles an ihnen unbewusst. Manchmal wäre es z.B. zu schätzen, wenn bestimmte Gerüche nicht gerochen werden müssten. So viel zum „Leib“, in der Domäne des Sensualismus; als nächstes wollen wir die „Gestalt“ in der Domäne des Phänomenalismus anschauen.
1 Die scheinbar bekanntere, häufig zitierte, poetischere Version Steiners lautet: „Willst du dich selber erkennen, so schaue nach allen Seiten in die Welt; willst du die Welt erkennen, so schaue in deine eigenen Tiefen.“
