Zum Begriff: Politik

Der erste Teil des folgenden Artikels ist komplett von jemandem auf Twitter inspiriert, der jedoch (wie ich) seinen Namen nicht teilt: Nutt Los (der auch einen Youtube-Kanal hat). Er ist ein echter Philosophe auch wenn er sich vielleicht nicht so bezeichnet, denn seine Videos und seine Artikel sind (trotz einem Patreonkonto) für jeden frei zugänglich; die Ideen zum Begriff ‘Politik’ kommen vor allem von Christian Meier.

Politik in Abgrenzung vom Privaten

Das Wort Politik wird generell für etwas anderes verwendet, als die eigentliche Bedeutung verlangt. Es wird gegenwärtig mitunter für all die Systeme der Gegenwart verwendet, die eine bestimmte Repräsentation vieler verschiedener Menschen durch wenige Menschen zum Kern haben. Jene (Mis-)Repräsentation geschieht durch ‘Wahlverfahren’, wo einige Menschen sich zur Wahl stellen, mit dem Ziel, jene Wahl zu ‘gewinnen’. So ist das Gemeinschaftliche der Gesellschaft kaum etwas Gemeinschaftliches, sondern ein Gegeneinander, in dem sich allerlei Allianzen, Feinschaften und Intrigen finden. Dieses Gegeneinander hat nicht zum Ziel, sich als erstes um eine Lösung für alle zu tun, sondern aus einer Vielzahl an Kompromissen, Parteikämpfen, Schlagzeilen, persönlichen Streitereien, finanziellen Abhängigkeiten, Wahlversprechen, Umfragen, Abstimmungen, Ideologien, Karrieren, zeitlichen/geostrategischen Notwendigkeiten usw, manchmal unter dem Schein von Freundlichkeit und Zusammenarbeit irgendwas zu tun. Um eine echte Lösung kann es unter solch verworrenen Umständen fast nicht mehr gehen. Es ist ein Wunder, wirklich ein Wunder, dass unsere gegenwärtigen Institutionen unter solchen Umständen nicht schon lange durch innere Konflikte kollabiert sind.

Mit Politik selber, nach ihrer eigentlichen Bedeutung, hat all das, wenn man in der Sprache eine gewisse Strenge zeigt, nichts zu tun, denn Politik ist das Gemeinwesen wo jeder in gleicher Weise teilnimmt, und als Mitglied des Gemeinwesens auch teilnehmen mussnicht das delegierende Gegeneinander. Die Delegation, die Wahl von Repräsentanten, führt immer zu ‘privaten’ Treffen, nicht zu ‘politischen’. Das Private ist mit dem Politischen unvereinbar wie Tag und Nacht – wenn das Eine vorhanden ist, ist das andere, nach der strengeren Definition der Begriffe, nicht vorhanden.

Das Politische erlaubt keines der folgenden drei:

  • Parteienbildung,
  • Öffentliche Inaktivität oder ungleiche Teilnahme an sich [d.i. dem Politischen] durch Bürger, und
  • Mittelbarkeit (durch Dritte oder sonstwie indirekt repräsentierte, ‘vermittelte’ Haltungen).

Oder anders: Politik bedingt folglich

  • keine Parteienbildung,
  • aktive, gleichrangige und obligatorische Teilnahme aller mündigen Bürger und
  • Unmittelbarkeit (physische Anwesenheit).

Der zweite Punkt wird durch den Zufall des Losverfahrens ermöglicht (Isonomie).

Zum Privaten gehören nach Christian Meier Eigeninteressen und Wettbewerb, und hier beginnen die Probleme unseres Systems. Der Wettbewerb ist in der Polis (der Bereich wo die Politik der Bürger – nicht ‘Volk’ – hinreicht) destruktiv (während er im Wirtschaften bis zu einem Punkt konstruktiv sein kann), so sehr, dass eine Polis überhaupt nicht existieren kann, wenn stets darum gestritten wird. Um das Destruktive an unserem System (repräsentative Demokratie, in der Praxis Aristokratie, Ochlokratie oder Oligarchie) zu überwinden, finden sich bei bei den alten Griechen einige Lösungsansätze (isonomische Demarchie, aleatorische Demarchie, attische Demokratie). Die alten Griechen hatten ein sehr kompetitives Leben, von dessen schädlicher Wirkung auf die Gesellschaft sie wussten, wenn im ständigen Wettbewerben übertrieben wurde. Sie wussten, dass der Wettbewerb im öffentlichen Entscheidungsraum (Polis) keinen Platz haben kann, wenn irgendwas erreicht werden will. So verbannten sie den Wettbewerb aus diesen Räumen, und sie formten mit Klugheit und-oder Weisheit ein System, das durch einen friedlichen Konsens zu Lösungen kommen konnte: die Isonomie (Rechtsgleichheit) zusammen mit der Isegorie (Meinungsäusserungsgleichheit).

Die Isonomie gibt allen Menschen (damals: allen ‘Vollbürgern’, heute wäre es wohl: allen ‘Volljährigen’) die gleichen Rechte: durch das Losverfahren wird von jedem verlangt, am Gemeinwesen mitzuwirken. Nicht, indem er irgendjemanden wählt, sondern indem er selber, physisch hingeht, und an Gesetzgebung, Umsetzung usw mitspricht und mitwirkt. Hier hat man nicht mehr einen kleinen Bruchteil der Bevölkerung, die sich direkt an Politik (oder wie es im Falle des Apolitischen genannt werden sollte: am repräsentativen Privaten) beteiligt, sondern die grösste Mehrheit. Wer sich nicht beteiligt, wurde Idiot genannt, von ἰδιώτης Idiotes, für Privatperson. Es findet sich quer durch alle Schichten, durch das Zufallslos, die Gesellschaft so vor, wie sie sich wirklich zusammensetzt. Es ist nicht mehr ein einzelner, der die Widersprüche unzähliger Menschen und Gruppen in sich vereinigen muss, und der darauf hinaus noch alle möglichen Umstände navigieren muss, welche mit seiner Rolle einher gehen, sondern eine bestmögliche Widerspiegelung der Gesellschaft. Und das ist, was Politik eigentlich ist. Was wir mit unserer behaupteten Demokratie haben ist nicht Politik, sondern etwas äusserst Dysfunktionales, das die inneren Probleme im besten Fall nur durch grössere, nach aussen projizierte Probleme durch den gemeinsamen Feind in halbwegs angemessener Weise angehen kann.

Politik und Privation in Abgrenzung zum Partisanismus

Hier die Ergänzung zur binären Unterscheidung zwischen Politik und Privation: der Partisanismus dazwischen.

Auf Twitter verwendete ich das Wort Politik seit meiner Aufklärung zum Begriff durch “Nutt Los” nicht mehr, wie es für gewöhnlich verstanden wird (partisanes Denken, politisches Handeln, Demokratie), aber auch das mit falschem Verständnis Geschriebene werde ich alles überarbeiten, den falsch verwendeten, abwertenden Politikbegriff in den Partisanenbegriff oder ‘Politizismus’ umändern, und die Politik – ihrer eigentlichen Bedeutung nach – sich selber sein lassen.

Es sollte einem in der Auseinandersetzung mit ‘Politik’ immer bewusst sein, dass heute mit diesem Wort Unfug betrieben wird, und all die “-kratien” von der eigentlichen Politik sehr weit entfernt sind.

In Partisanismen wie ‘Politik der ersten Person‘ (Kampfaussage: ‘das Persönliche ist politisch’) durch Bewegungen wie dem Feminismus, fand und findet der Widersinn des Missverstehens des Politikbegriffs eine Art Höhepunkt, wo jede Abgrenzung von Politik und Privation entfernt werden will.

Hier zeigt sich auf, dass zur einfachen Unterscheidung zwischen politisch und privat etwas weiteres notwendig wird: das Adjektiv ‘partisan’. Denn das Kämpfen wie es von sozialaktivistischen Gruppen betrieben wird, ist nicht wirklich dem Privaten zuzuschreiben – besonders wenn es sich an die Öffentlichkeit richtet. Das Private hat nämlich, wie das Politische auch, im Kern etwas sehr Friedvolles an sich: die Intimität, die Zuneigung, die Formen von Liebe, die Freundschaft, die Nähe usw, zu einem anderen Menschen oder einer kleinen, bekannten Gruppe; all die Dinge, wo dem einzelnen anderen Menschen Vertrauen geschenkt werden kann. Das sind keine Kämpfe und Wettbewerbe – es gibt Kämpfe und Wettbewerbe um das in diesem Sinne ‘wirklich Private’ herum (Selektion im Dating, Familienfehnden, Differenzen in Idealen zwischen Freunden usw), diese dienen mitunter aber vor allem dem Erreichen des wirklich Privaten, wo im Idealfall schlussendlich bedingungslos vertraut werden kann. So haben wir mit dem Privaten und dem Politischen zwei friedvolle Extreme, wo das eine Extrem dem anderen näher kommt, den sozialen Darwinismus im Privatistischen, das öffentliche Verhandeln im Politizistischen und dergleichen (was nicht schlecht sein muss, sofern es an einem angemessenen Ort bleibt).

Finden wir Wege, das Private wie das Politische friedvoll zu gestalten, haben wir demnach tatsächlich erst Privates und Politisches. Und alles dazwischen, das Menschen gegeneinander und nebeneinander zu Rangeleien antreten lässt, nennt sich daraus folgend das “Partisane”.

  • Privat: wo dem einzelnen Menschen vertraut wird
  • Politisch: wo der Allgemeinheit vertraut werden kann
  • Partisan: wo auf bestimmte Spielregeln vertraut werden muss

Verzerrte Formen

Schleichen oder drängen sich Partisanismen in das Private oder das Politische (wie das Erwähnte “das Private ist politisch!”), so enstehen daraus der partisanistische Politizismus wenn es im öffentlichen Raum geschieht, oder partisanistische Privatismus wenn es im privaten Raum geschieht: der partisanistische Privatismus ist eine zum Kompetitiven verzerrte Form des ehemals Privaten, und der partisanistische Politizismus ist eine zum Kompetitiven verzerrte Form des vorher Politischen. Der partisanistische Privatismus und der partisanistische Politizismus sind dadurch ein unangemessenes Versetzen des Partisanismus an einen Ort, wo dieser nicht hingehört, und wo er das sonst in angemessener Weise Funktionierende stört oder verunmöglicht.

Finden sich kleine Gruppen, die zuerst in ihren Eigeninteressen hinter verschlossenen Türen für die Gesamtheit der Gesellschaft entscheiden, haben wir den privatistischen Politizismus, die wohl übelste Form der möglichen Verzerrungen. Die Bürger werden hier zum ‘Volk’ – einer schweigenden Masse, die nur lahm und schwerfällig auf Geschehnisse reagieren kann. Je länger Bürger als Volk leben (müssen), desto mehr verlieren sie die Fähigkeit, als Bürger zu handeln, und desto mehr werden sie Teil einer Masse. Kommt jene Masse wieder an die Macht, so ist ihr System zuerst die ‘Ochlokratie’ (Herrschaft des Pöbels), und ihr Weg zur Politik, und dann zur Demokratie, ist ein sehr, sehr schwerer. Demokratie ist ungeheuerlich schwer zu erlangen, und sehr leicht zu verlieren.

Der Grund, dass die Demokratie leicht zu verlieren ist, ist der, dass die in die (echte) Demokratie Geborenen die Demokratie als einen gegebenen Zustand verstehen. Für sie ist die Demokratie selbstverständlich, und sie verstehen nicht, warum die Demokratie bestimmte Strukturen als Notwendigkeit hat, und warum sie andere nicht hat. Wir irren gewaltig wenn wir glauben, dass es heute irgendwo auf der Welt Demokratie ihrem wahren Begriffe nach gäbe.

Politik minus Gleichrangigkeit, Unmittelbarkeit, Parteilosigkeit, universelle Aktivität -> partisanistischer Politizismus
Privation minus Ästhetische Erziehung, Generationenzusammenhalt, Mythos-Erzählkultur für die Jugend, Logos-Traditionskultur für Erwachsene -> partisanistischer Privatismus

Nun kann aber auch der Partisanismus, wo unter (für alle gleich geltenden) Spielregeln in verschiedensten Wettkämpfen Verlierer und Gewinner gesucht werden wollen, durch den Politizismus oder den Privatismus zu etwas entstellt werden, das er nicht sein sollte. Das ‘gute’ Partisane stellt das Talent des einzelnen oder einer Gruppe in Geschicklichkeit, Intelligenz, Kraft, Durchsetzungsvermögen, Ausdauer, Führungsstärke und dergleichen gegenüber, wo man sich gegeneinander messen kann. Es können für Spiele aber gegen den Geist des ‘geregelten Partisanen’ gesellschaftliche Fragen durch Wetten eingesetzt werden (“wenn X gewinnt, eskalieren wir; wenn Y gewinnt, versöhnen wir”), dann haben wir politizistischen Partisanismus; oder es werden durch Spiele z.B. persönliche Racheakte verübt, dann haben wir privatistischen Partisanismus.

Partisanismus im Öffentlichen

  1. Dogmatisch (starr)
  2. Polemisch (laut)
  3. Sophistisch (klug)

Partisanismus im Privaten

  1. Intrusiv (aufdringlich)
  2. Obtrusiv (versperrend)
  3. Seduktiv (verführend)

Ich hoffe mit solchem Unterscheiden die Dinge in sinnvoller und brauchbarer Weise aufzuteilen.

Die Systemtypen öffentlicher Struktur

Nach Güte:

  • Isonomie
  • Demarchie/Demokratie (Bürger)
  • Aristokratie (Beste)
  • Patriarchie (Vatertypus)
  • Monarchie (Einzelner)
  • Oligarchie (Reiche)
  • Ochlokratie (Pöbel)
  • Kleptokratie (Diebe)
  • Tyrannei

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steinerschüler

Eine WA für einen, alle WA für alle.