Materialismus, Spiritualismus und ihre Visibilitätsstufen

Visibilitätsstufe ist hier, was Steiner als Weltanschauungs-Stimmung bezeichnet. Dazu gehören insgesamt sieben Stück: Gnostizismus, Logismus, Voluntarismus, Empirizismus, Mystizismus, Transzendentalismus und Okkultismus. Alle WA sind in Kombination mit allen Visibilitätsstufen möglich.

Gnostizismus und Okkultismus sind die Ausschläger, Empirizismus ist in der Mitte. Gnostizismus und Okkultismus sind zwei einander gegenüber stehende Oppositionen. Sie unterscheiden sich hauptsächlich darin, wie sie mit Gewissheit umgehen. Dem Gnostizismus ist eine Erkenntnis sicher, wenn sie sich unerschütterlich vor ihm zeigt, wie die Aussicht eines hohen Berges auf das umliegende Land, von deren Schönheit und Perspektive man erst mit Sicherheit weiss, wenn man den Berg selber bestiegen, und die Aussicht selber gesehen hat.

Dem Okkultismus hingegen ist gerade das vorsichtige Suchen nach Hinweisen durch nichts zu ersetzen. Denn dem Okkultismus gibt es nichts von Grösse, das sich in seinem vollen Wesen zeigen kann, weil der Mensch in der wirklichen Welt nur bestimmte Dinge sehen und in Worte fassen kann. Je grösser eine Sache, desto schwieriger zu fassen ist sie. Die wahre Natur grosser Zusammenhänge ist wie das Zentrum einer Zwiebel, wo man erst viele äussere Schichten entfernen muss, um das Innerste sehen zu können. Das Wissen ist dem Okkultismus also etwas Flüchtiges, das sich einem stets entzieht.

Denkt man nun an den Materialismus, so hat er einen ähnlichen ‘Charakter’, wie der Gnostizismus: mit Materie hat man etwas vor sich, dem man sich nicht entziehen kann. Es ist da, seine Existenz selber ist die Evidenz. Man braucht kein Wort dazu zu geben, um das Existieren von etwas Materiellem zu vergegenwärtigen. Man kann ihm nicht widersprechen, ohne nach aussen oder zu sich zu lügen.

Und denkt man sich dann den Spiritualismus, so ist er von allen Visibilitätsstufen dem Okkultismus am ähnlichsten. Das Geistige entzieht sich einem stets. Es wird nicht klarer, deutlicher, wenn man genauer auf es schaut. Im Gegenteil offenbart es sich einem eher dann, wenn man auf ganz anderes fokussiert ist. Das Geistige kommt auf einen zu, wenn es nichts zwischen sich und dem Menschen vorfindet. Wenn nichts zwischen ihm und dem Menschen liegt, auch nicht der Blick oder der Gedanke des Menschen, da kann es seine wahre Gestalt am ehesten zeigen. Das Geistige ist somit sehr flüchtig, und schwer zu fassen.

Für die zwölf WA gilt es nun, verschiedene Visibilitätsstufen auf die WA anzuwenden. Jede WA ist in Kombination mit jeder Visibilitätsstufe möglich. Manche jedoch besser, und manche schlechter. Die WA verwendet man, um zu Erkenntnis über die Welt und Mensch zu kommen – das ist wohl die Hauptabsicht. Man sucht durch die WA also jenes, das man noch nicht, oder noch nicht genügend kennt, und etwas vertiefen möchte. Welche Visibilitätsstufe sollte man nun für eine WA wie den Materialismus anwenden, um zu tiefen Erkenntnissen über dessen Natur zu kommen?

Überlegungen haben zu ihrem Gegenstand einen Kontrast zu bilden. Ist der Gegenstand einer, in dem alles mit allem zusammen hängt, so werden mir Worte, mit denen ich gut abgrenzen kann, mehr nützen, als Worte, welche ineinander übergehen. Ich will hier etwas haben, das zwar zum Gegenstand passt, aber nicht dem Gegenstand gleich ist. So, wie ich ein Werkzeug möchte, das sich vom Werkstück unterscheidet, aber dennoch das Werkstück passend greifen oder bearbeiten kann. Das Werkzeug muss dabei etwas können, das das Werkstück bewältigen kann. Versucht man mit einem Werkstück ein anderes, gleichartiges Werkstück zu bearbeiten, so gleichen sich die beiden aus, und beide werden bearbeitet. Oder dann eben keines, weil die Kräfte einander aufheben. Den menschlichen Gedanken sollte man sich als etwas vorstellen, das sich mit den Dingen vor ihm in bestmöglicher Weise auseinandersetzen soll, nicht als etwas, das ihnen gleichen soll.

Ist der Gegenstand einer, wo man stets vom einen zum nächsten geht, wo man stets dem nächsten hinterher hinkt, so nützen einem Worte, mit denen man so kategorisieren kann, dass man um das Verbleiben der Kategorien weiss, weit mehr. Der Gedanke muss eine Art Gegengewicht zu seinem Gegenstand bilden, um dem Gegenstand gerecht zu werden. Hat man zu viel Ähnlichkeit zwischen Gedanke und Gegenstand, so versinkt der Gedanke im Gegenstand, und verliert alle Bedeutung.

Im Denken macht es also wenig Sinn, das Denken der Sache vor sich anzugleichen, wenn man etwas über jene Sache verstehen möchte. Es ist gerade das Gegenteil angebracht, da mit einem Denken, das sich von der Sache unterscheidet, die Sache von der Umgebung abgegrenzt werden kann. Sind die Art des Denkens und die Art der Sache, über die nachgedacht wird, einander im Wesen ähnlich, so ist der bedeutungsvolle Gedanke über die Sache schwieriger zu machen, als wenn sie sich im Wesen unterscheiden oder gar widersprechen.

So kommen wir nun zu den WA und den Visibilitätsstufen (VS). Man denke sich WA und VS als Prinzipien, die sich gegenüber stehen. Wirkt das eine auf den Menschen ein, so wirkt das andere aus dem Menschen heraus, und umgekehrt. Das eine bearbeitet, das andere wird bearbeitet. Sie spielen mit- oder gegeneinander. Und nun gibt es jene, die sich gleichen, und es gibt jene, die sich unterscheiden. Und jene, die sich unterscheiden, und gegeneinander spielen, passen besser zueinander, weil durch sie eine Wirkung entstehen kann. Da ist Reibung. Für den Materialismus ist nun der Okkultismus passend, gerade weil er sich vom Materialismus unterscheidet, und der Gnostizismus ist zu ihm unpassend, gerade weil sie sich ähneln. Materialismus und Gnostizismus sind wie ein Hammer und dessen Werkstück, wobei der Hammer einen Gegenstand bearbeiten muss, der die gleiche Härte hat wie der Hammer. Die Selbstevidenz der Materie übernimmt die Aufgabe des Gewissheit-Habens, der Gnostizismus kann dem nichts mehr anfügen. Für den Okkultismus öffnet sich da jedoch ein Welt.

Der Gnostizismus passt somit dort am besten, wo er eine gewisse Angriffsfläche hat, nämlich beim Spiritualismus (und auch beim Pneumatismus, gleich nebenan). Schafft es der Gnostizismus, beim Spiritualismus Worte zu finden, die greifen, so hat der Spiritualismus durch diese Paarung mehr Möglichkeiten, als in der Kombination mit anderen Visibilitätsstufen. Diese Kombination ergab die ‘Gnosis’, welche ein gnostizistischer Spiritualismus war.

Möchte man Erkenntnisse erlangen, so ist es einem die sichere, bequemere Route, wenn man Ähnliches zusammen bringt. Das ist auch, was man instinktiv gerne macht. Man hat damit jedoch immer Zweifel, weil man Gegenstand und Gedanke nie einander konfrontieren lässt. Der ‘Glaube’ ist im Prinzip nichts anderes, als genau dieser Zweifel: man schwilgt in einer WA, mit Gedanken die der WA ähnlich sind. Wirklich glaubenlos zu werden, sollte in der Gegenwart das Ziel aller Menschen aller WA sein. Glaubenlosigkeit soll nicht etwas sein, zu dem man sich gedrängt fühlt, aber es wird nicht schaden, es als ein Ziel vor sich zu sehen. Bringt man einander unpassende WA und VS zusammen, so ist es möglich, in das Glaubenlose zu kommen, in eine Welt, wo in sich stimmig und bewusst gedacht wird. Manche Materialisten sind stolz darauf, sich als ‘ungläubig’ zu bezeichnen, aber sie sind es oftmals genauso wenig, wie Kirchenbesucher, oder dergleichen. Sie glauben einfach an andere Dinge, wie z.B. dass vor dem Urknall alle Materie in einem Punkt, kleiner als ein Atom, konzentriert war. Das ist nichts anderes als ein Glaube, auch wenn man hübsche mathematizistische Formeln mit endlos vielen wilden Annahmen dazu aufwenden kann. Der Nullpunkt ist die materialistische Schöpfungsgeschichte, und sie hat etwa so viel mit dem kritischem Rationalismus zu tun, mit dem sich die moderne Naturwissenschaft gerne rühmt, wie das erste Kapitel mancher religiöser Texte.

Der Materialismus hat (meines Wissens*) noch keine okkultistischen Überlegungen über die Urgründe von Materie angestellt, weil der Okkultismus die Materialisten womöglich an das spiritualistische und pneumatistische Denken erinnert. Die Teilchenphysik ist ein Versuch, der in die Richtung des Okkultismus geht, der eigentlich darauf hinweist, dass ein okkultistisches Denken angewendet werden sollte. Stattdessen hat man eine in Modellen versinkende Lehre, die vermutlich kein Ende haben wird. Hat der Materialismus viele Ebenen, wobei keine Gewissheit gesucht wird, kommt man zu einem Materialismus mit zunehmend tiefen Erkenntnissen zur wahren Natur von Materie.

Alle Wissenschaft gründet sich auf bestimmter Grundmethodik, etwas anderes ist nicht möglich. Was nun für mehr sichere Erkenntnisse geschaffen werden sollte, ist eine Grundmethode für jene Gruppen an WA, die sich gleichen, oder einfach pro VS eine Grundmethode. Diese Grundmethoden sollten so gestaltet sein, dass sie keinen Glauben benötigen, und ihre Grenzen kennen. Eine Grundmethode sollte genau definieren, wo ihr Geltungsbereich endet.

Es finden sich einige neue Gedanken in diesem Artikel, und die so zu findenden Inhalte werden sich, wie das auch vorher mit anderen Artikeln schon geschehen ist, in folgenden Artikeln etwas ausarbeiten lassen müssen.

*Nachtrag Juli 2020: Die Quantenphysik hat Strömungen in sich, die okkultistisch sind, und nicht mehr von mechanistischen, kleinsten Teilchen ausgehen, wie z.B. Hans-Peter Dürr argumentiert. Seine Bücher waren mir zum Zeitpunkt, als ich diesen Artikel schrieb, noch nicht bekannt.

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steinerschüler

Eine WA für einen, alle WA für alle.