Gibt es ‘Denkrichtigkeiten’?

Man muss sich nicht immer nur über das Falsche beklagen, es gibt auch Dinge, die funktionieren, und es wert sind, betrachtet zu werden. So wollte ich analog zum Artikel ‘Einige Denkfehler‘ einen Artikel über ‘einige Denkrichtigkeiten’ schreiben. Solche Dinge, die einfach still vor sich hin funktionieren, stehen in der deutschen Sprache jedoch kaum zur Diskussion – entsprechend erfolglos war auch die Suche nach einem guten Antonym (‘Wortumkehrung’ oder ‘Gegenwort’ sind synonym zum Wort ‘Antonym’) zum Wort ‘Fehler’. Synonyme von ‘Fehler’ gibt es etliche, wie Falschheit, Irrtum, Versehen, Defekt, Fauxpass, Dummheit usw. usf., wenn aber eine Sache einmal richtig läuft, so findet man kaum andere Worte dafür, als solche, welche vor allem die Abwesenheit eines Fehlers bezeichnen, oder erst dem erreichten Ziele ein Namen geben, wie ‘Erfolg’. ‘Richtigkeit’ oder ‘Gelingen’ sind die besten Kandidaten, nur hört sich ein Wort wie Denkgelingen nicht toll an, erst recht nicht in der gleich klingenden Mehrzahl.

Gleichsam schwierig ist es allerdings, tatsächlich Dinge zu finden, welche im Denken prinzipiell richtig gemacht werden. Denn das Richtige ist etwas, das man in dieser Sache kaum bemerken kann, weil es bezüglich der Psyche schwierig ist, jenes zu sehen, das einem zum Ziel bringt, ausser wenn es ein Hindernis darstellt. Die Vorgänge der Psyche sind unsichtbar, man kann nur zurückschliessen, wie sich die Ergebnisse der Vorgänge zeigen. Wir bemerken also nur die Schwierigkeiten, oder wo wir am Ergebnis Fehler bemerken können. Die Analyse des von sich aus richtigen Denkens ist dadurch fast unmöglich.

Mit dem richtigen Denken ist hier nicht das Denken gemeint, das man durch das Vermeiden von Denkfehlern erreicht, sondern das Denken, das für gewöhnlich richtig ist, ohne dass wir uns darum durch eine besondere Achtsamkeit bemühen müssen. Vielleicht kann man das Denken allein schon dadurch verbessern, wenn man irgendwie herausfinden kann, wie es sich um solches gutes Denken verhält, und sich in der Folge um die Pflege desselben bemüht.

Das Denken wird gerne dadurch gefärbt, wie man fühlt, wenn etwas auf einen zukommt, und auch, wie man die Welt sehen möchte – wie man etwas will, dem Wollen also. Und wo das Fühlen in das Denken hinein wirkt und es formt, werden Denken und Fühlen vermischt, und wir entfernen uns vom reinen Denken. Gleich verhällt es sich dort, wo sich Denken und Wollen vermischen. Alle drei können jeweils mit den anderen beiden vermischt werden. Das mit den anderen beiden vermischte Denken ist das Denken, aus dem der Mensch allmählich heraus wachsen muss, um zu einem reineren Denken zu kommen. Der individualistischer werdende Mensch entwickelt sich aus diesen Vermischungen heraus, und bildet sich dadurch ein immer schöneres, eigenständigeres Denken. Wo der Mensch der Vergangenheit dachte, war er aus heutiger Sicht ‘neurotisch’: Denken, Fühlen und Wollen waren fast eines. Der Mensch der Zukunft wird diese drei Seelentätigkeiten hingegen auseinander bilden. Geschieht dies zu schnell, und kann der Mensch mit den, durch die unabhängiger gewordenen Tätigkeiten einströmenden Informationen nicht mithalten, so wird er ‘psychotisch’: die einströmenden Informationen machen keinen Sinn mehr, und er hat Mühe, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden.

Wo sich in der Menschheitsgeschichte also gewisse Denkanlagen gebildet haben, wurden diese durch die Vermischung mit den anderen beiden Haupttätigkeiten der Seele gebildet. Man hat im Menschen dadurch keine reinen Denkanlagen, nur die Anlage, das Denken zu vermischen. Es ist also, als stünde man auf einer Eisscholle, und es gibt nur einen Platz in der Mitte, der die Scholle stabil halten kann, während jeder Schritt in jeglichste Richtung die Scholle neigt, wodurch man von ihr rutschen wird. Es gibt im Denken also keinen Verlass auf irgendwas, jede Unachtsamkeit wird, wenn konsequent verfolgt, in einem Extremzustand enden, und man wird Fehler begehen.

Es gibt also nur eine Denkrichtigkeit, die für sich eine solche ist, und nicht einfach ein weiteres Vermeiden von Denkfehlern, und das ist die erste Tugend des Denkens: die Achtsamkeit. Wird nicht dort begonnen, kann man gleich direkt in das Eiswasser springen, ohne überhaupt zu versuchen, die Scholle stabil zu halten.

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steinerschüler

Eine WA für einen, alle WA für alle.