Die Weltanschauungen des Westens und des Ostens

Die Weltanschauungen sind nachvollziehbar. Jeder Mensch kann vollständig verstehen, worum es bei jeder einzelnen WA geht – wir sind in unserem Alltag näher an ihnen, als wir vielleicht denken. Die WA sind nicht ein abstraktes Gedankenkonzept ausserhalb allen Erlebens, sie sind durch die Menschen die uns umgeben, und die Kulturen die wir in der Welt entdecken können, ständig um uns. Und es fehlt nicht viel, um für all die Dinge um uns herum nützliche Kategorien, wie die WA, zu erkennen, in welche man ebenjene Dinge einteilen kann. Weiter sind die WA in uns selbst, und viel näher als das ist ja nicht möglich. Ich möchte jedem Menschen helfen, diesen kleinen Schritt zu tun, ein Auge für die zwölf Weltanschauungen in der Welt, und die eine Weltanschauung in sich selbst zu entwickeln.

Die WA sind ein gewaltiger, globaler Schauplatz, ein weltumspannendes, nie endendes Schauspiel, gleichzeitig Zusammenwirken wie auch Wettkampf um die fähigsten Denker und Individuen, um die grössten Kulturen und Ideen. Sie durchziehen die gesamte Geschichte der Menschheit, und bestimmen grosse Teile der Zukunft derselben. Die Gegenwart ist ein ununterbrochenes Drücken und Ziehen, ein Schubsen, Drängen und Schieben von WA.

Manche WA sind sich ähnlich, andere sind sich unähnlich. Stellt man eine WA neben die ihr ähnlichste, und dann die nächst-ähnlichste neben jene, so ergibt es sich, dass daraus zum Schluss ein Kreis entsteht. Und durch diesen Kreis kann man sich Schritt für Schritt eine WA nach der anderen ansehen, um ihnen näher zu kommen.

Schritt für Schritt durch die ersten sechs Weltanschauungen (WA)

Dieser Kreis ist eingeteilt in zwölf Stücke, für zwölf WA. Welche wo genau ist, werden wir gleich sehen. Irgendwo auf diesem Kreis befindet sich jeder einzelne Mensch, irgendwo befindet sich die Kultur in der man lebt, irgendwo sind die Menschen die uns am nächsten sind. Vielleicht ist alles an demselben Ort oder in demselben Bereich auf diesem Kreis, und man müsste eine Reise in ein Land mit fremder Kultur machen um eine fremde WA deutlicher zu sehen. Vielleicht ist man in diesem Kreis auch ganz woanders als die Kultur und die Menschen um einen herum, und man wäre eher in der Ferne zu Hause.

Ganz grob gesagt, kann man in der Welt zwischen westlicher und östlicher Kultur unterscheiden, in Morgen- und Abendland. Dies bedeutet nicht, dass in absoluten Begriffen das eine nur im Westen möglich ist, und ein anderes nur im Osten, sondern dass sich in der Geschichte eine tendentielle Unterscheidung ausmachen lässt. Es ist auch nicht so, dass das eine besser wäre als das andere. Es finden sich zwar alle WA in allen möglichen Formen und Grössen zwischen dem Osten und dem Westen, aber es hat sich für die Zeit in der wir leben so ergeben, dass der Westen und der Osten die deutlichsten, auffälligsten Unterschiede, den stärksten Gegensatz, aufweisen. Dies bilden die WA so ab, und es ist auch zu erkennen, wenn man sich die Kulturen unserer Welt vors Auge führt.

Die Anthroposophie, resp. Steiner, lehrt, dass zu bestimmten Zeiten, bestimmte Kulturen eine führende Rolle in der Welt spielen, die Rolle der Leitkultur haben. Die Übergänge von der einen zur nächsten Kultur sind dabei oftmals fliessend. Diese Leitkultur bezieht sich vor allem auf eine Region über einen Zeitraum.

Dieser Gegensatz aus östlicher und westlicher Kultur hat in verwandter, schwächerer Form als es heute vorhanden ist, vor langer Zeit mit den Urindern begonnen, welche eine gewisse Sehnsucht nach der geistigen Welt verspürten. Die (aus Sicht der WA) Gegenseite zu den Urindern bildeten, nach Steiner, später die Urperser, welche sich eher für die physische Welt interessierten, und diese eingehend studierten, und erste, das Physische betreffende Wissenschaften entwickelten. Dies wurde danach wieder abgelöst von einer zum Geistigen strebenden Kultur, dann wieder von einer zum Physischen strebenden usw. Irgendwann in der Geschichte traten die alten Griechen auf, welche in ihrem Denken und Erleben innig mit der geistigen Welt verbunden waren. Sie wurden in ihrer Rolle als Leitkultur später abgelöst von den alten Römern, welche die physische Welt zu studieren wussten, wie kaum jemand vor ihnen. Die alten Römer waren in ihrem Studium der Materie so weit ihrer Zeit voraus, dass sie Materialien auf eine Weise zu bearbeiten wussten, dass selbige für tausende Jahre allein durch ihre physischen Eigenschaften denselben Zustand behalten würden. Ihr Studium der physischen Welt beging alle Wege dessen, was für den Menschen jener Zeit notwendig, nützlich, komfortabel oder unterhaltsam war. Diese von den Römern sehr weit gebrachte WA nennt sich Materialismus. Der Materialismus ist die grossartige WA alles Weltlichen. In ihr hat alles Kausalität, ist alles erklärbar und alles was den Materialismus interessiert, beweisbar. Im Materialismus drinnen ist das einzige nicht Begreifbare dasjenige, was nicht genug verstanden wird. Es ist die WA von Wissenschaftlichkeit schlechthin, mehr noch als der Mathematizismus – der auch eine WA ist!

Während von den alten Römern vieles nach Amerika ging (hier in diesem Text sind damit die USA gemeint), ging von den alten Griechen vieles in die slawischen Länder, was dort vielleicht zu einem Grad vorbereitend wirkt.

Vergleicht man die Amerikaner und die Slawen, so wird man heute, ganz generell gesprochen, erst Tendenzen zu gewissen WA finden. Die jeweiligen WA sind weder in Amerika noch in Russland in ihren Feinheiten wirklich ausgebildet, aber man kann eben doch gewisse Andeutungen erkennen, welche hoffentlich helfen, ein Gefühl für die jeweiligen WA zu entwickeln. Es scheint, dass die slawischen Länder im Entwickeln “ihrer” WA den Amerikanern etwas hinterher hinken, welche nach dem zweiten Weltkrieg grosse Fortschritte in ihren teilweise vom alten Rom geerbten WA gemacht haben. Vielleicht geschieht es noch zu unseren Lebzeiten, dass sich die Slawen auf der gewaltigen Bühne der WA etwas stärker etablieren.

Die westlichen drei WA

1. Materialismus

Es ist anzunehmen, dass, wenn ich die Amerikaner der WA des Materialismus und deren Nachbarn zuweise, ein grundlegendes Missverständnis darüber aufkommt, was gemeint ist. Es gibt sowohl Vorurteile über Amerikaner, wie z.B. dass sie verschwenderisch und unbesonnen konsumieren, wie es auch negative Vorurteile über den Begriff des Materialismus gibt. Es ist möglicherweise nicht berechtigt, von ausserhalb zu urteilen, ob die Amerikaner verschwenderisch sind – die Medien berichten gerne selektiv über Misstände, weniger darüber, was gut läuft. Davon abgesehen möchte ich die WA des Materialismus keinesfalls einem abwertenden Urteil über Konsumerismus, Verschwendung und dergleichen zuweisen, ganz im Gegenteil: materialistisch zu sein bedeutet, sich zu kümmern über materielle Dinge, ein Bewusstsein zu haben für Materielles. Die Soziologin Juliet Schor appelliert an den amerikanischen Materialismus durch folgende Aussage (meine Übersetzung): “Wir [Amerikaner] sind zu materialistisch im alltäglichen Sinn des Wortes, und wir sind nicht materialistisch genug im wahren Sinn des Wortes. Wir sollten wahre Materialisten sein, uns ordentlich kümmern um das Material von Gütern.”

Eine moderne Bewegung, welche sich in gesunder Art mit einem sehr bewussten Leben mit physischen Dingen befasst, bezeichnet sich als Minimalismus (daraus kommt auch die Aussage von Schor). Der Minimalismus ist selber keine materialistische Bewegung, eher eine rationalistische. Diese Bewegung ist in Amerika ins Leben gerufen worden. Eine zentrale Botschaft von zwei bekannten Minimalisten, ‘Joshua Millburn’ und ‘Ryan Nicodemus’, ist diese (meine Übersetzung):

“Lieb’ den Menschen, nutz das Ding, das Gegenteil hat keinen Sinn!” (Original: “Love people, use things. The opposite never works.”)

Exzess im Einkauf, achtlose Entsorgung von Abfall und dergleichen sind nicht aus dem Materialismus geboren. Es sind viel eher Dinge, welche zu entstehen scheinen, wenn die Möglichkeit zu Überfluss in Kombination mit materiell desinteressierten Menschen gleichzeitig auftauchen. Oder wenn eine Region oder ein Land von Persönlichkeiten geführt wird, welche es nicht als ihre Aufgabe wahrnehmen, dass gewisse leitende Prinzipien benötigt werden, wenn Materialismus in amerikanischem Ausmass durch tiefe ökonomische Erkenntnisse möglich wird. Sollte Amerika tatsächlich ein Problem mit Verschwendung und dergleichen haben (es scheint der Fall zu sein), liegt das vielleicht gerade an einem Mangel an “wahren” Materialisten in der Bevölkerung. Es finden sich möglicherweise viele Menschen unter der amerikanischen Bevölkerung, welche mit den Dingen, welche der Materialismus an Überschuss bereit zu stellen imstande ist, nicht angemessen umgehen können. Das Problem wäre demnach eher ein unbekümmertes Interesse der Menschen am Themen wie Überschuss und Abfallentsorgung, als der Materialismus.

Beim Menschen ist der Materialismus, der auf die eine Weise an Objekten angebracht ist, wenn in gleicher Weise auf den Menschen gerichtet, nicht angebracht.

Beim Kontakt zu anderen Menschen kommt der Materialist an seine Grenze. Der Materialismus ist genötigt, selbst wenn er das menschliche Denken, Fühlen und Wollen in einem Akt von extremen Reduktionismus auf eine komplexe Programmfunktion beschränkt, zu anerkennen, dass dies ausserhalb der Physis liegt. Dass mindestens mit Information etwas existiert, das sich ausserhalb reiner Materie befindet, muss anerkannt werden, wenn man mit Menschen verkehrt. Der Materialismus hat also die besten Werkzeuge um sich mit Objekten zu verbinden. Geht es aber um Menschen, Subjekte, fehlen ihm gewisse Mittel um eine dem anderen Menschen angemessene Verbindung zu erstellen. Vieles am Menschen befindet sich ausserhalb der Begriffe des Materialismus. Das nicht-Materielle am Menschen auf Information plus Quantität derselben zu reduzieren, ist vielleicht rhetorisch möglich, aber es hält dem Studium des Menschen nicht stand. Weil dem Materialismus die Begriffe für das speziell dem Menschen Eigene fehlen, ist der Materialist genötigt, immer dann von seiner Natur etwas loszulassen, wenn er mit Menschen in Kontakt kommt. Tut er dies nicht, so hält er dem Gegenüber etwas vor, das notwendig ist für jeglichste Art von Beziehung.

Verbindet man sich mit der Sprache der Amerikaner, mit ihrer Kultur, Architektur usw, so kommen einem neben dem Materialismus noch zwei weitere WA entgegen: der Rationalismus und der Mathematizismus.

2. Mathematizismus

In Amerika äussert sich der Mathematizismus beispielsweise darin, wie manche Städte geplant und umgesetzt wurden. Man wird Nummern anstatt Namen finden für Strassen, man orientiert sich somit an den Kreuzungen der nummerierten Strassen, einer Kombination aus zwei Nummern also. Häufig sind die Strassenblöcke säuberlich wie das Raster eines Schachbrettes nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Beispielsweise nehmen die Nummern der einen Nord-Süd-Zeile zu, wenn man nach Norden auf der “Avenue” geht, und sie nehmen auf der horizontalen, der Ost-West-Zeile, genannt “Street”, zu, wenn man nach Westen geht. Vergleicht man dies mit deutschen Städten, wo Strässchen, Wege und Strassen sich mal quer, mal geschlängelt durch ihre Umgebung winden wie ein Bergbach durch einen Felsabhang, kann man eine Art Verschmelzung von Rationalismus und Mathematizismus im amerikanischen Alltag veräusserlicht erkennen. Der Mathematizismus scheint bis jetzt generell etwas Mühe zu haben, sich ohne die Hilfe des Rationalismus zu veräusserlichen.

3. Rationalismus

Den Rationalismus erkennt man in Amerika sehr deutlich in der Sprache des amerikanischen Englisch. Hört man sich die Amerikaner an, so ist in fast jedem Satz ein Definieren oder Lösen eines Problems herauszuhören. Sprechen sie in ihrem lateinisiertem Englisch, diesem mit juristischen Begriffen durchsetzten Gemisch aus Englisch und Latein, und beschreiben einen Vorgang oder Zustand, so können sie sich kaum helfen, lediglich Parameter ihrer Beobachtungen aufzustellen. Man beschreibt dazu wie man sich fühlt, und erwähnt oftmals auch, was man nichts weiss, und definiert damit wie viel Einfluss die eigene Person oder die persönliche Haltung auf das Problem haben. Die englische Sprache ist soweit speziell gut darin, den Zustand von Sachen zu beschreiben – wie sie sich z.B. relativ zu einem zweiten Punkt bewegen, oder wie sie auf andere Sachen reagieren – wie sie die dazu notwendigen Begriffe aus dem Lateinischen hat.

Die lateinische Sprache bildete sich an der physischen Welt. Ihre Begriffe zu geistigen Inhalten sind gerne synonym zu Schein, Nichts, u.dgl. oder sie sind implizit abweisend oder gar abwertend zu Inhalten, welche Geistiges beschreiben sollten. Mit dem Auswandern vieler Italiener nach Amerika, gab es eine Art Umsiedeln eines Überbleibsels der alten lateinischen Welt nach Amerika. Dieses in den Westen umgezogene Überbleibsel hat Teile seines lateinischen Erbes in die Sprache, aber zum Teil auch in die Kultur Amerikas einfliessen lassen.

Der Rationalismus ist die WA des Binären, des Dualismus, des Schwarz und Weiss. Nuancen sind ihm zuwider, nicht weil sie etwa nicht existierten, sondern weil sie durch das Hinzufügen von Komplexität das Lösen von Problemen erschweren.

Ein Bild für den Materialismus wäre ein belebter Markt an einem heissen Sommertag, gefüllt mit gewitzten Händlern, ahnungslosen Käufern, einer farbenfrohen Auswahl an Scharlatanen, Strassenmusikanten- und Künstlern – sowie Gütern von Esswaren über Kleider bis hin zu Ramsch. Leute treffen sich, witzeln, streiten, handeln. Es ist eine warme, erfüllte Welt, an der Freude aufkommt. Ein Verlangen kommt auf, sich in sie hinein zu stürzen, und in diesem frohen Brei aus Kuriositäten zu suhlen. Dort findet man eine grössere Familie welche um einen Schattenplatz in einer überfüllten, lauten Gelateria kämpft, dort erblickt man einen alten Mann der einen Espresso inmitten (oder trotz) des wilden Treibens geniesst. Zwei alte Witwen schimpfen vor ihren jeweiligen Hauseingängen energisch über die Jugend, während Kinder mit Wasserpistolen ausgerüstet, sich gegenseitig beschiessend, gewandt durch die dichte Menschenmenge rennen. Die Menschen wischen sich mit kleinen Tüchern die durch die Hitze aus den Poren treibenden Schweissperlen von der glänzenden Stirn, während sie von den mit allen Wassern gewaschenen Händlern, mit einer gewissen subtilen Gewalt, über den Tisch gezogen werden.

Die östlichen drei WA

Gehen wir in den zwölf WA nun von den (tendentiell) westlichen drei WA zu den (tendentiell) östlichen drei.

Im slawischen Raum findet man die Gegenseite dieser drei WA. Jedoch möchte ich hier erwähnen, dass dieses Einteilen weder für alle Amerikaner noch für alle Slawen gilt. Es gibt viele Slawen, welche im slawischen Raum durch Rationalismus, Mathematizismus sowie Materialismus (und auch alle anderen WA) grosse Gedanken in die Welt getragen haben, und dies auch in Zukunft tun werden. Und die WA, welche wir gleich für den slawischen Raum anschauen werden, sind auch in ausgeprägter Form bei so manchen Amerikanern zu finden. Dieses Einteilen soll also nicht mehr als ein Beschrieb von Tendenzen sein, um für die jeweiligen WA ein anschauliches Bild abrufen zu können. Man soll eine lebendige Idee über die einzelnen WA zu Verfügung zu haben, von der aus man das eigene Bild der WA ausbauen kann.

Der slawische Raum, also Russland, Weissrussland, die Ukraine, Serbien, die Slowakei und kleine andere, hat für verschiedene Regionen verschiedene Züge des alten Griechenland in die Moderne mitgenommen, und sie werden sie wohl in die Zukunft hinein zu tragen haben. Für den westlichen Menschen besonders deutlich zu sehen ist das an der Schrift, dem Kyrillisch.

Ich habe mich leider noch zu wenig in die Eigenheiten slawischer Sprachen eingearbeitet, um dort das Altgriechisch herauszusehen, jedoch ist es meine These, dass dort Zusammenhänge zu finden sind.

Die drei östlichen WA sind Dynamismus, Monadismus und Spiritualismus.

1. Spiritualismus

Vom Spiritualismus werden wohl die allermeisten schon etwas gehört haben, Dynamismus und Monadismus werden hier kurz berührt, damit die Begriffe verstanden werden, damit man ein Bild hat zu den Begriffen. Beim Spiritualismus wird es zuerst vor allem angebracht sein, falsche Urteile aus dem Wege zu räumen, so wie das beim Materialismus dringend notwendig ist.

Sich in die Geschichte der slawischen Ursprünge mittels westlichen Quellen einzuarbeiten, scheint erstaunlich schwierig. Ich habe schon von einigen Slawen gehört, wie der europäische Westen, und der Westen generell, die Aspekte slawischer Kultur gerne klein redet, und Ursprünge bevorzugt sich selbst zuschreibt usw. Ob dieser widersprüchlichen Informationen werde ich für meine Aufsätze deswegen besser die altgriechische Kultur verwenden, um anschauliche Beispiele zu finden für die drei WA Dynamismus, Monadismus und Spiritualismus, bis ich glaubwürdige Quellen gefunden habe.

Den Spiritualismus verbindet man gerne mit Menschen, welche sich mit allerlei mit dem Übersinnlichen spielenden Ideen ein Einkommen verschaffen wollen. Sei das mit Tarotkarten, Kristallkugeln, irgendwelchen Heilmethoden usw usf. Sie geben sich allerlei Titel, welche suggerieren sollen, dass sie auf zukünftige Ereignisse hindeuten können, dass sie mit der geistigen Welt kommunizieren können, dass sie Krankheiten auflösen können, und derlei Dinge, welche im gewöhnlichen Verständnis um den Begriff Spiritualismus kreisen. Letzten Endes bedeuten diese Techniken, Praktiken und Handlungen sehr wenig in der physischen Realität; zumindest diejenigen, welche behaupten, die Physis auf die eine oder andere Art beeinflussen zu können. Hat jemand eine Krebserkrankung, und kommt dann eine solche Person welche Hoffnung verkauft mit irgendwelchen Versprechen, so ist die erkrankte Person vielleicht auf eine bittere Enttäuschung aus – erst recht die Angehörigen, welche möglicherweise stattdessen eine effektive, schulmedizinische Behandlung wünschen, werden keine Freude haben, wenn, was sie mit dem Spiritualismus verbinden, vielleicht an einem späteren Zeitpunkt in anderer Form in ihrem Leben auftaucht. Manche Praktiken, wie das Lesen von Tarotkarten, werden ihre Begründungen haben, aber ob einige Karten und ein einheitliches System ausreichen um zu Resultaten zu kommen, wage ich zu bezweifeln.

Deswegen scheint es mir wichtig, genauer anzuschauen, was die ‘WA als Prinzip’ mit dem Spiritualismus verbinden. In den WA hat der Spiritualismus einen bestimmten zugewiesenen Platz, und der Platz hat in der physischen Welt nichts, oder zumindest sehr wenig, mit den erwähnten Karnevaltricks zu tun. Der Spiritualismus ist die WA welche eine Klarheit hat im Übersinnlichen, eine WA, welche das Geistige zu begreifen versucht, und, je nach Mensch, bis zu einem gewissen Punkt zu begreifen weiss.

In der physischen Welt, in der Welt welche wir unmittelbar erleben, hat es der Spiritualismus schwer, sich erkennbar zu machen. Seine grundlegenste Charakteristik ist gerade, sich nicht an der physischen Welt zu interessieren – dadurch ist seine Domäne eher woanders.

Ein anschauliches Bild für den Spiritualismus ist vielleicht dieses:

Man stelle sich eine kalte, dunkle Winternacht vor, der Boden ist zugefroren und der Schnee durch Frost und Tau des Tages verhärtet, man ist draussen in einer Taiga, nichts ist um einen herum, und durch die Dunkelheit ist nichts zu sehen. Die Füsse frieren, sie stehen auf gefrorener Erde und vereistem Schnee, der Körper ist kalt, die Hände sind klamm. Dörre Grashalme stehen vereinzelt aus den gefrorenen Schneeklumpen heraus und stechen in die spärlich verpackten Füsse. Die Wärme des Körpers entweicht in die Kälte hinaus, man schlingt sich die Arme um den Oberleib, als würde dies die Wärme zurück halten. Die Dunkelheit versteckt das Wesen der Dinge um einen, nur die Konturen von Stauden, Sträuchern und dergleichen sind um einen herum als Umrisse, vage, wie unbestimmte Schatten ausmachbar. Ein bissiger Wind geht, der Mond ist verdeckt von in der Ferne vorbeiziehenden, durch die Dunkelheit der Mitternachtsstunde schwarz scheinender Wolken. Der Himmel über einem ist jedoch offen und klar, fern jeder Stadt und deren Lichter. In der tiefen Schwärze des Firmaments sind unzählbar viele Sterne zu sehen, ferne, schon längst verloschene Sonnen, selbst der Nachklang von vor Ewigkeiten aufscheinender Galaxien ist nun lediglich ein fast nicht erkennbares, weisses Lichtlein unter unendlich vielen anderen.

Ob dieses Anblicks rückt all der Lärm des Alltags in den Hintergrund, all die kleinen Sorgen verlischen lautlos, die ehemals unverrückbare “Wirklichkeit” der Dinge, wie die Wohnung, das Auto, das Dorf, das Büro, selbst die Menschen, scheinen sich auf einmal alle aufzulösen und in den Hintergrund zu treten. Man vergisst die Kälte, das Frieren, alle Unannehmlichkeiten, je länger man da steht und in die Endlosigkeit über einem blickt, desto nichtiger scheinen diese Probleme. Man findet sich in einem Moment wieder, wo all diese kleinen Dinge keine Rolle mehr spielen, sie versinken in etwas, das unendlich viel grösser und mächtiger ist. Man schaut nach oben zur Unendlichkeit und versteht, wie klein man dagegen ist, und wie tiefgründig, endlos und gewaltig die Wesen über einem sind.

Was wir darunter verstehen, geboren zu werden, nämlich “der Beginn des Lebens”, ist für den extremen Spiritualismus das genaue Gegenteil. Für ihn ist die Materie der Tod, ein Tod, während dem das Selbst, das “Ich”, für die Dauer eines Menschenlebens in einen Körper muss. Allein durch diesen wirken zu können, und durch nichts anderes, ist ihm eher Gefängnis als Leben. Das Leben beginnt für ihn dort, wo sich sein Ich wieder (fast) frei bewegen kann – in der geistigen Welt nämlich! Stirbt der physische Körper, so endet für den extremen Spiritualisten etwas, das sich durch das Erdenleben hindurch für ihn wie eine Art Tod anfühlte. Daraus befreit zu werden ist ihm Erlösung. Ist der Körper tot, so beginnt dem Spiritualisten das eigentliche Leben, er kann zurück in einen für ihn belebten, kraftvollen, erfüllenden Zustand. Der allnächtliche Schlaf während der Inkarnation, während dem “in einem Körper sein”, ist ihm wie eine kleine Version dessen, was er als wahres Leben versteht, eine kurzzeitige Entlassung aus diesem Fleischkerker. Inkarniert zu werden, also in einen Körper hinein geboren zu werden, ist ihm ein “in eine Welt von Hülle und leerer Erscheinung” hinein gezwungen werden, eine unangenehme Sache, der man am liebsten entfliehen möchte, ohne das Erdenleben aber mit Gewalt abkürzen zu müssen.

Es ist mir noch nie ein Mensch mit derart ausgeprägtem Spiritualismus als WA über den Weg gekommen, soweit ich weiss. In unserer Gegenwart wäre es wohl ein leidender Mensch. Eine solche ausgeprägte Form des Spiritualismus ist jedoch möglicherweise eine Zukunftserscheinung.

Endet hingegen das Erdenleben eines Materialisten, so findet sich der Materialist vor einer ganz anderen Welt: es ist nicht die Welt des Geistigen, welche er nach dem Erdenleben findet, er findet vielmehr Dunkelheit und Orientierungslosigkeit, er ist absolut blind in dieser Welt des Geistigen. Und wenn er endlich wieder einen Körper, einen physischen, eigenen Körper hat, verlässt ihn die Schwärze, ist er erst wieder von Licht umgeben. Der Spiritualist verliert seiner Meinung nach Zeit auf der Erde und geht im Nachtodlichen ins Licht, der Materialist, so er denn das Nachtodliche als Realität annehmen könnte, verbringt seine Zeit in etwas, das nicht zu enden scheint in einer unerklärlichen Schwärze. Sein “Ich” ist einfach nur froh, wieder in eine materielle Welt zu kommen, wieder von Helligkeit umgeben zu sein.

In westlichen Ländern symbolisiert die schwarze Farbe den Tod, während in östlichen Ländern häufig die weisse Farbe den Tod symbolisiert. Dem eher zum Materialismus neigenden Westen ist der Tod Schwärze, der eher zum Spiritualismus neigende Osten sieht den Tod eher als etwas Erhelltes. Man kann das z.B. bei Beerdigungen sehen, wo Menschen im Westen ganz in schwarz gekleidet sind, dadurch vielleicht die Welt repräsentierend, in welche der Verstorbene eingetreten ist. Eine weisse Rose ist in China ein Symbol für den Tod, auch Japan hat Traditionen rund um den Tod mit allerlei Symbolik mit weissen Gegenständen.

2. Monadismus

Nun zum Monadismus. Der Monadismus steht auf der Gegenseite des Mathematizismus. Man wird vielleicht schon ahnen, was der Monadismus somit ist: eine Umstülpung des Mathematizismus. Nimmt man sich die grundlegendste Charakteristik des Mathematizismus, so wird man beim Monadismus finden, was auch immer das Gegenteil des Mathematizismus ist.

Der Mathematizismus ist die WA Zuordnens, des Allgemeinen und der Grenzen. Er sucht das Eineitliche, dasjenige, das die Dinge so gruppieren kann, dass nichts mehr ausserhalb ist. Er gibt ihnen Merkmale, um sie vergleichen, sie voneinander unterscheiden und dann zuordnen zu können.

Der Monadismus ist die WA vom Einzelnen. Es ist die WA des Individuellen – eine jede Sache, so klein sie auch sein mag, ist etwas Eigenständiges – sie ist ihre eigene “Monade”. Stellt man sich eine ‘Kugel’ vor, so ist dem Monadismus die Grösse der Oberfläche derselben egal, er interessiert sich mehr für das Wesen der Kugel, ihren Geist, ihre inneresten Charakteristiken. Die Räumlichkeit und die Physis belangen ihn weniger, als das Eigentlichste jener Kugel, und wie sie sich zum Wesen aller anderen Kugeln verhält, und wie sie zusammen etwas Kugeliges bilden. Der Monadismus ist damit sehr nahe am Spiritualismus, aber er hat etwas Abstrahierendes zu jenem, ähnlich, wie der Mathematizismus etwas Abstrahierendes zum Materialismus hat.

3. Dynamismus

Der Dynamismus nun ist die WA welche dem Rationalismus gegenüber steht. Wie erwähnt ist der Rationalismus die WA des Binären, des Schwarz-und-Weiss. In amerikanischen Filmen sieht man den Rationalismus etwas karikativ dargestellt mit den “Guten” und den “Bösen” die sich immer gegenüber stehen und sich immer gegenseitig bekämpfen. Die Amerikaner nutzen dieses duale Einfärben aller Parteien bis hinein zum wirklichen Leben, zu politischer Rhetorik. Natürlich ist man selber nie der Böse (das sollte das Ganze fast etwas durchschaubar machen) jedoch scheint dieser Hypnosetrick bis heute sehr effektiv zu funktionieren. Der Trick ist, dass man instinktiv denkt: “Auch wenn wir, meine Seite, nicht exklusiv gut sind, es ist doch möglich dass wir moralisch durchs Band ein klein wenig moralisch besser sind, und der moralisch Bessere kann offensichtlich nicht der Böse sein – folglich sind wir die Guten”. Die Idee von gut und böse ist rationalistische Methodik.

Der Dynamismus entfernt jedes binäre Denken durchgehend. Für ihn ist als erstes Bewegung das Gesetz: nichts verbleibt wie es ist, nichts kann verbleiben wie es ist, selbst wenn es wollte, es ist unmöglich. Solange “Zeit” läuft, geschieht Veränderung, egal wo, egal wie minim. Der Dynamismus hat auch “Kraft” und “Kräftewirkungen” als zentrales Prinzip, jedoch haben dies alle WA in iher jeweiligen Form, deswegen scheint der Begriff “Bewegung” etwas passender. “Bewegung” ist die Veränderung von Kräften, hier ist jedoch nicht der Platz um zu untersuchen, was zuerst kommt. Der Dynamismus akzeptiert die Unkontrollierbarkeit des universell stets Veränderbaren und des sich stets verändernden Charakters allen Seins, ja, er huldigt es, will dazu beitragen. Das Stillstehen ist ihm so zuwider, wie wenn er seiner, sich wie überschlagende, durcheinander wühlende Ströme im Becken eines Wasserfalls, bewegten Welt alles Wasser abklemmen müsste. Und gleichsam graut ihm davor, dass er seine Welt in eine einfache Dualität, ein Entweder-oder, setzen muss, denn so nähme er ihr gleichsam alles Leben.

Wir haben nun sechs WA angeschaut, manche genauer, von anderen, wie dem Monadismus wurde der Begriff in die Runde gesetzt. Sie wurden nebeneinander gestellt, und etwas näher betrachtet. Nun können wir noch einige Aussagen anfügen, bevor es zu der anderen Hälfte der WA weiter geht.

Die WA von Materialismus über den Mathematizismus hin zum Rationalismus sind klar voneinander abgegrenzt, während die Übergänge vom Spiritualismus über den Monadismus hin zum Dynamismus eher fliessend sind.

Eine jede WA hat eine andere WA von sich gegenüber, und diese andere WA ist wie eine Umstülpung derselben. Wir haben also Oppositionen, welche sich gegenüber liegen, und damit auch auf diesem in zwölf geteilten Kreis schnell als Oppositionen ausmachbar sind.

Die WA, welche einander benachbart sind, sind sich am ähnlichsten, während diejenigen, welche auf diesem Kreis am entferntesten sind, die grössten Unterschiede haben.

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steinerschüler

Eine WA für einen, alle WA für alle.