Die grosse Bedeutung der dutzend Weltanschauungen

Dieser Artikel soll zeigen warum es jedem Menschen dient, sich mit den dutzend Weltanschauungen, und dem grösseren Weltanschauungsprinzip (WAP) rund um diese, zu beschäftigen.

Es ist vielleicht auch ein Appell an die Anthroposophie, da das System der Weltanschauungen nicht nur aus dieser Bewegung oder Gesellschaft kommt, oder über Rudolf Steiner zumindest eng mit ihr verknüpft ist, sondern vor allem weil diese Gesellschaft beste Voraussetzungen hat, die dutzend Weltanschauungen zu vertiefen; was schon lange überfällig ist, weil die dutzend Weltanschauungen selbst nach 110 Jahren zumeist nur oberflächlich studiert und beschrieben wurden – obwohl es nicht viel mehr bräuchte, um sich die Wechselwirkungen der Weltanschauungen lebendig vorstellen zu können.

Von der Hürde zur Emergenz

Die dutzend Weltanschauungen sagen einem alles, man muss den Blick nur auf die Positionen auf dem Kreis werfen und dabei gut denken. Nehmen wir als ein Beispiel den Realismus, denn der Realismus gibt uns die zwei ersten grossen Hürden (die bisher selten überwunden wurden), die aber, mit der richtigen Hilfe, eigentlich leicht überwunden werden können. So ist der Realismus auf dem Kreisschema ganz rechts. Wovon ist er damit am weitesten entfernt? Es wird damit weniger nach der Entfernung zum Gegenpol gefragt, sondern mehr danach, welches das entfernteste Polaritätspaar ist. Der Gegenpol vom Realismus ist der Idealismus, aber das “Gegenpaar” (das 90° zum Idealismus-Realismus-Paar stehende Paar) ist das Materialismus-Spiritualismus-Paar. Das entfernteste Paar zum Realismus ist das Materialismus-Spiritualismus-Paar. Was bedeutet das? Bedeutet es, dass der Realismus mit diesem Paar am wenigsten zu tun hat?

Nein, im Gegenteil: mit grösstem Abstand zwischen dieser Polarität zu stehen entfernt den Realismus nicht von diesen beiden Weltanschauungen, es erhöht ihn, mit etwas blumiger Sprache, zu ihrer ‘Frucht’, es stellt den Realismus (und den Idealismus) in deren Mitte. Etwas weniger blumig: der Realismus ist die emergente (aufkommende) Qualität aus der Materialismus-Spiritualismus-Polarität. Er ist weit mehr als der ‘Sohn’ oder das ‘Produkt’ jener Polarität, er ist eher eine ganze nachkommende Familie. Der Realismus ist, solange die Weltanschauungen Materialismus und Spiritualismus gleichzeitig vorhanden sind, weit mehr als eine der beiden allein. Würde ein Pol der Materialismus-Spiritualismus-Polarität kurzzeitig wegfallen, würde der Realismus so gering wie ein Pol ohne Gegenpol für gewöhnlich halt ist.

Es ist mir noch nicht gelungen, das Wort ‘Emergenz’ im Weltanschauungsprinzip zu einem Begriff werden zu lassen, aber Emergenz ist im WAP, was zwischen den Polen der Weltanschauungen geschieht: es entstehen neue Qualitäten die von gewaltiger Tiefe sind, die auf einmal zu unermesslich viel mehr werden, als die einfachen Weltanschauungen die sie sonst wären, wenn sie ein gewöhnliches alleiniges Weltanschauungsdasein hätten. In der Wechselwirkung mit anderen Weltanschauungen gewinnt jede von ihnen an einer Grösse, die selbst zwölf einzelne, wechselwirkungslose Weltanschauungen in den Schatten stellt.

Der Realismus ist nicht von Materialismus und Spiritualismus abgekoppelt – im Gegenteil führt er sie zusammen, er erhebt sie, und er wird dabei miterhoben. Wie in einer chemischen Reaktion, wo zwei Materialien die nicht zueinander passen heftige Reaktionen geschehen lassen wenn sie zusammenkommen, werden am Schnittpunkt von Polaritätspaaren Qualitäten freigesetzt, oder beginnen überhaupt erst zu entstehen. Weil sich polare Qualitäten, also polare Weltanschauungen, immer berühren in der Welt, sind immer andere Weltanschauungen in deren Mitte, die ununterbrochen neue Qualitäten aus der Folge der Berührung der Polaritäten schaffen.

Hier sieht man die erste Hürde des Beispiels Realismus überwunden, die weltanschauliche Hürde: der Realismus amplifiziert (verstärkt) das Polaritätspaar, das neutral zu ihm gelegen scheint, aber überhaupt nicht neutral zu ihm ist. Die zweite Hürde ist das Wort “real”.

Was ist real? Aus Obigem können wir schliessen: Materie alleine ist nicht real, Geist alleine ist nicht real, und Idee ist ganz bestimmt nicht real, denn Idee ist dem Realen polar entgegenstehend. Was ist denn Materie allein, wenn nicht real? Ich kann sie anfassen – ist das nicht notwendigerweise real? Könnte ich sie überhaupt anfassen, wenn sie nicht real wäre? Kann Materie überhaupt sein, wenn sie nicht real ist? Materie allein ist nicht real, sie ist materiell, es ist im Wort. Sie wird erst real wenn sie von mir, einem mitunter geistigen Wesen, angefasst oder wahrgenommen wird. Meine Berührung lässt sie erst real werden. Materie generell wird dann real, wenn etwas gleichzeitig materiell und geistig wird. Das folgt alles aus den obigen Absätzen zu den Polaritätspaaren. Und Materie kann sein, auch wenn sie nicht real ist, so wie Idee ‘ist’ (eine Idee zu haben unterscheidet sich davon, keine Idee zu haben, folglich ‘ist’ die Idee durch das Adjektiv ‘ideell’, sobald sie in mir entsteht und ich sie mit anderen teile, anpasse, usw), obwohl sie unmöglich jemals ‘real’ ist. ‘Sein’ muss nicht real sein, Sein muss nur Güte in sich haben, um sein zu können (Artikel darüber, wie das Gute mehr Sein hat als das Schlechte). Weil die Weltanschauungen alle gut sind, sind sie, auch wenn nur eine Minderheit der Weltanschauungen das Reale repräsentieren kann (Weltanschauungen selber sind nie real). Damit ist neben der weltanschaulichen auch die ‘wörtliche’ Hürde des Realismus überwunden.

All die einfachen Hürden, die im Weltanschauungskreis auf einen warten, werden überwunden wenn der Kreis unvoreingenommen, oder dann genügend lange betrachtet wird. Irgendwann sind da keine Hürden mehr, sondern es ist einfach mehr; immer mehr, und die grosse Schwierigkeit ist dann herauszufinden wo überhaupt begonnen werden soll, um dieser ganze Fülle gerecht zu werden.

Auf weltanschauung.org soll nicht nur beschrieben werden was vorhanden ist, es sollen auch Herangehensweisen entstehen und gezeigt werden, um die Wechselwirkungen der Weltanschauungen zu ordnen, um auch das Wechselspiel mit den anderen Gattungen zu verstehen (Gattungen wie Seelentöne, Visibilitätsstufen und Anthropomorphismus). Die beschriebenen Herangehensweisen sollen auch helfen zu verstehen wie sich die daraus entstehende Emergenz einordnen und nutzen lässt.

Zwölf Personen und deren Mitte

Sind die einfachen Hürden einmal überwunden, kommt die Grösse und Nützlichkeit des Weltanschauungsprinzips so langsam zur Geltung. Die Weltanschauungen beginnen sich in den Vorstellungen zu bewegen, sie beginnen Form anzunehmen. Ist man anthropomorphistisch veranlagt, scheinen sie einem vielleicht wie zwölf Personen, die in einem Kreis stehend miteinander interagieren. Sie gestikulieren, rufen einander Dinge zu, lachen. Jede Weltanschauung, oder dann jede ‘Person’, hat in diesem Kreis ihren Charakter. Einer will, nachdem er bestimmte Worte hört, Hände schütteln, ein anderer Charakter hat auf die gleichen Worte hin den Blick verfinstert und die Arme verschränkt.

Die zwölf Weltanschauungen dieser Vorstellung sehen aus wie die Charaktere eines griechischen Platzes. Nie stehen elf Weltanschauungen still, während eine zwölfte alleine das Wort hat; sie sind sich unentwegt am bewegen, am reden, am zuhören, am streiten, am denken, am schweigen, nur um von Moment zu Moment von einer zur anderen Tätigkeit zu wechseln, je nachdem was sich von aussen aufdrängt oder was geboten ist. Sie agieren und reagieren.

Denke man sich das als die Weltanschauungsszene: zwölf Personen, die miteinander im Austausch sind. Man muss sie im Einzelnen gut kennen um sich vorstellen zu können, wie sie interagieren würden. Aber nun denke man sich, dass diese Szene unsere Welt ist, wir von den Zwölfen aber nur zwei, drei Personen sehen können. Wir sehen durch die Dunkelheit unserer eigenen Vorstellung nicht, wer die anderen Personen sind, wer um sie herum steht. Und so sehen wir nicht, dass sie interagieren, und so sehen wir nicht, dass die Weltanschauung, die in unserem Sichtfeld ist, auf bestimmte Dinge Antwort gibt oder sonstwie reagiert, und dass sie bedeutende Wirkungen auf andere Weltanschauungen hat. Wir sehen es vielleicht, wenn mal zwei der für uns sichtbaren Weltanschauungen etwas zusammen bewirken, nur um dann wieder die einsamen, isolierten, unverstandenen Weltanschauungen zu sehen, sobald die Interaktion endet – wenn wir überhaupt irgendwas durch den Nebel der Vorstellung – mit schwacher Kenntnis um das Dutzend – sehen. Sie fallen in unserer kenntnisarmen Vorstellung dann zurück in Leblosigkeit, in Schweigsamkeit und in Einsamkeit.

Stehen uns die Weltanschauungen mehrheitlich im Dunkeln, stehen auch wir als Menschen im Dunkeln. Den Weltanschauungen an sich spielt es keine Rolle ob wir blind für sie sind. Falls sie uns jemals wahrnehmen, bemerken sie uns erst wenn wir sie lebendig sehen, weil die leblose Vorstellung falsch und dadurch schwach ist, und dann freuen sie sich wohl, gesehen zu werden. Werden sie in unseren Vorstellungen lebendig, beginnen sie durch uns zu leben, und sie werden wohl selber (vielleicht gar als makrokosmische Entitäten) ein kleines bisschen lebendiger. Sie finden durch uns in unsere Welt hinein. Sie sind nicht mehr ‘nur’ die endlos gewaltigen Arkaden in der Sonnenbahn (symbolisiert durch die zwölf Tierkreiszeichen), sie bekommen durch den einzelnen Menschen etwas Mikrokosmisches, sie bekommen einen menschlichen Charakter den sie mitspielen können. Sie tauschen sich nicht mehr nur untereinander aus, auf einmal ist ihr Blick zur Mitte gerichtet: da ist etwas Neues, etwas Dreizehntes zwischen ihnen. Sie schlüpfen dann in die menschliche Wahrnehmung, und sehen sich und die anderen des Kreises in ganz eigenwilliger Form wieder. Tut der Mensch das bewusst, nimmt er sie also bewusst wahr, so ist es auch der Weltanschauung etwas Bewusstes (hier ein Artikel in dem u.a. kurz mit einem spiritualistischen Axiom versucht wird zu begründen, warum Weltanschauungen ein Bewusstsein ausserhalb des Menschen haben könnten).

Es ist aber nicht nur der Weltanschauung ein sonderbares Erlebnis durch die Psyche die Welt zu sehen, auch der Mensch erlebt etwas, aber er erlebt etwas, das weit über ihn hinausgeht. Er findet sich in solchen Momenten in einer Arkade wieder, einem makrokosmischen ‘Torbogen’, für dessen Grösse sich unmöglich exakte Worte finden. Könnte der Mensch von sich loslassen, könnte er wohl mehrere dieser Bögen gleichzeitig erleben, er könnte vielleicht gar deren Wechselwirkung spüren, usw. Aber weil das Grösste bald einmal unkonkret und bodenlos wird, ist es nützlicher, bei den einfachen Bildern zu bleiben. Nur auf festem Boden kann zum erfolgreichen Sprung angesetzt werden. Aber auch wenn solche Bögen nicht wahrgenommen werden, man steht doch immer auch in den Weltanschauungen drinnen und lernt von ihnen, wenn ihnen ein Auge geliehen wird. Es ist erstens also ein persönlicher Nutzen, der aus den Weltanschauungen gewonnen werden kann.

Christus

Die Welt die uns umgibt, und das, was wir in die Welt geben, ist das Aggregat (die Anhäufung) von Teilen der Weltanschauungen. Das einzige, das nicht aus den Weltarkaden der Sonnenbahn (zwölf Tierkreiszeichen) kommt, das nicht aus ihnen zusammengesetzt wird, ist der ‘göttliche Kern’ im Menschen. Selbst der Mensch ist ein Weltanschauungsaggregat, den er hat Physis, er hat Geist, Psyche, Sinne usw, aber der göttliche Funke, und die Freiheit die damit einhergeht, steht ausserhalb. Das ist das Dreizehnte, das etwa durch Christus symbolisiert wird.

Ist der Christus der Menschheitsrepräsentant, und ist es die Aufgabe des Menschen nach seinem besten Vermögen zu versuchen Christus zu gleichen, so ist es wohl eine Pflicht, das Erleben der dutzend Weltanschauungen zu erüben. Das ist zweitens der Nutzen der Weltanschauungen für die Menschheit.

Philosophie

Der interessanteste Nutzen gilt drittens der Philosophie, denn was die Weltanschauungen dem Denken helfen an Ordnung zu gewinnen, lässt sich wohl mit keinem anderen System das jemals existiert haben mag auch nur vergleichen, so weit gehen die Weltanschauungen über alles andere hinaus. Die Weltanschauungen geben Struktur in die allermenschlichste Aktivität: die geistige Beschäftigung mit sich, Gott und der Welt (siehe: drei Seelentöne). Bis in die letzte Faser der Auseinandersetzung mit den Dingen die uns umgeben wirken die Weltanschauungen hinein. Es liegt zwar am Menschen über die Gegenstände seiner Aufmerksamkeit Aufschluss zu erhalten, das heisst es obliegt seiner Gewissenhaftigkeit und seinem gesunden Menschenverstand, aber die möglichen Wege werden ihm alle durch die Weltanschauungen gebahnt. Durch Kenntnis um die Weltanschauungen, und durch Kenntnis um deren Wechselwirkungen untereinander werden dem Menschen Wege sichtbar, die er ohne diese Kenntnisse nie hätte erahnen können.

Schluss

Das ist der dreifache Nutzen aus dem Studium der Weltanschauungen, der persönliche Nutzen, der Nutzen für die Menschheit (das ist der universelle Nutzen), und schliesslich der Nutzen für die Philosophie.

Man kann sich bedenkenlos nach dem ersten Nutzen aus einem Egoismus heraus mit dem Weltanschauungsprinzip beschäftigen, und so lediglich sich selber nützen wollen. Und es ist doch nichts geschadet, denn man wird mit dem Kennenlernen der Weltanschauungen bald merken wie unbedeutend klein die eigene Rolle neben diesen gewaltigen Prinzipien ist, und wie es fast zum Lachen ist, sich selber in oder neben diesen titanischen Gebilden jeglichste Wichtigkeit zuzuschreiben. Die selbstdienliche Beschäftigung mit den Weltanschauungen wird sich bald in ein Pflichtgefühl verwandeln, und es wird einem nichts neben den Weltanschauungen stehen dürfen. So heilig werden sie einem jeden Weltanschauungsstudenten durch die lebendiger werdenden Vorstellungen zwangsläufig werden.

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