Zum Begriff: Religion

Der Begriff ‘Religio‘ geht im klassischen Herkunftsverständnis auf den grossen Cicero selber zurück: relegere: re (wieder) und lego (lesen), wo lego im Sinne von drübergehen, wählen oder vorsichtig erwägen gemeint ist.

Eine andere Interpretation setzt den Begriff aus religare: re (wieder) und ligare (binden oder verbinden) zusammen. Diese zweite Interpretation wird von vielen Akademikern bevorzugt, und sie ist auch was hier Anleitung geben soll, um auf die eigentliche Bedeutung zurückzukommen.

Der folgende Text wurde aus einer Audiofolge von “The Duran” inspiriert (~Minuten 30-40). Folgendes ist nicht ein atheistisches oder materialistisches Argument, weil etwa das Wort ‘irrational’ im Zusammenhang mit Religion verwendet wird. Irrational ist ein besser verständlicher Gegenpol zu ‘rational’ als der Weltanschauungsgegenpol ‘dynamistisch’ es ist. Irrational ist somit nicht als willkürlich, widersinnig gemeint, sondern als etwas Natürliches, Eigenlogisches, nicht etwas auf Wortlogik und Semantik Basierendem.

Das Binden, Anbinden oder Verbinden in der ‘Religio’ bezieht sich als erstes auf etwas Gemeinsames. Die Religion ist als erstes nichts Privates, sondern etwas Gemeinschaftliches. Sie gibt dem Menschen die Anbindung oder Wiederanbindung an seinen sozialen Verpflichtungen. Religion bedeutete, die Familie, Vorbilder in der Gesellschaft (König, Helden, Ritter, Heerführer etc), die eigene Zunft (in Bezug auf die Arbeit) oder Gott/Götter zu ehren, usw. Das stille, unausgesprochene, persönliche, private Gebet ist in solcher Religio vielleicht ein Bestandteil, aber es wurde seit der Aufklärung nach und nach uminterpretiert zu einer Hauptsache: es wurde zur persönlichen Anbindung oder Wiederanbindung an Gott. So verstehen wir sie heute anders als noch vor der Trennung von Staat und Religion.

Die Anbindung an Gott war aber etwas das gemeinsam getan wurde, und es wurde gemeinsam angehört, ausgesprochen, gesungen – bei Naturvölkern auch getanzt usw.

Die Trennung von Kirche und Staat bewirkte in gewisser Weise eine Trennung von Religion und Öffentlichkeit. Religion wurde persönlich und privat, und dadurch fast widersinnig; sie unterschied sich immer weniger vom Glauben, sie wurde zu einem persönlichen Glauben, da sie in einer öffentlichen Rolle als etwas Überwundenes angesehen wurde, das einer Vergangenheit angehört(e). Für die moderne, westliche, in einseitiger Weise ‘aufgeklärten’ Gesellschaft bedeutete der Verlust von Religio einen Verlust von Zusammenhalt, wenn an die Stelle der Religio nicht Neues treten würde. Was an die Stelle der Religio trat, war die Ratio: der skeptische Verstand und dessen Produkt, die Scienzia (die Wissenschaft). Seltsamerweise erhält man mit dem Verlust von Religion – die nicht rationalistisch ist – die eher ein Gegengewicht zum Rationalismus ist, das Irrationale. Ideatrie und Ideologie finden ihren Weg in die Scienzia, da sie sonst nirgendwo untergebracht werden können. Und das gerade vom Zweifel Lebende, die Scienzia, wird zu einem Gegenteil dessen, was sie sein sollte, sie wird zu etwas, das Gewissheit in sich halten muss, während sie ihrem eigentlichen Begriffe nach gleichzeitig überall dazu angehalten ist, ihren Zweifel anzuwenden. Daraus entstehen viele widersinnige Dinge, die wir in der Gegenwart aus den Akademien kommend sehen können, wie die scheinbare Abschaffung von Kategorien (Skeptizismus), nur um sogleich mit neuen Kategorien aufzutanzen, in deren Aktualität der Aktualität wegen Gewissheit (Ideologie bis Ideatrie) eingegeben wird.

Eine Gesellschaft kann nicht auf Zweifel und Skeptizismus beruhen, es braucht etwas, das man gemeinsam teilen, gemeinsam glauben kann. Der Mensch braucht das Kollektive, von dem er Teil sein kann. Eine Methode zur Zerteilung – was der Skeptizismus letzten Endes ist – reicht hierzu jedoch nicht aus. Die Ideologie in Religion wird verpönt, und die Gegenwehr im Skeptizismus wird zur Ersatzideologie, und sie setzt sich in ungesunder Weise im nicht von Natur aus rationalistischen Menschen fest, und sie macht durch ihre Widersprüche jene Menschen einsam, dann frustriert, und dann wütend.

Eine bedeutende moderne Strömung im ‘Westen’ ist der Progressivismus. Die Aufgeklärtheit jener Progressiven erlaubt ihnen nicht, gemeinsam etwas Religionsartiges auszuüben, da dies (vermutlich korrekt) als rückwärts gewandt verstanden wird; dennoch ist in ihnen, wie in den meisten Menschen, ein starkes Bedürfnis nach einer kollektiven, sozialen Aufgabe, nach einem gemeinsamen Sinn. Der Widerspruch aus persönlicher Notwendigkeit und dem, was man sich gedanklich erlauben kann, zeigt sich durch ein geistiges Unbefriedigtsein letzten Endes als Wut. Progressive Menschen bedingen etwas wie Religion, aber sie können sich durch die Umstände der Gegenwart keine Religion erlauben. So schaffen sie sich das im positiven Sinne ‘Irrationale’, Religionsartige über andere Wege; Wege, die mit den passenden Begriffen wie ‘Aufklärung’, ‘Wissenschaftlichkeit’ usw. verknüpfbar sind. Das im positiven Sinne Irrationale ist ein Teil des Menschen, und es muss seinen Platz im Leben finden.

Die Ratio die alles, auch ‘Irratio’, in sich vereinigen muss, führt zu Wut unter den Menschen. Die Gesellschaft die nicht zwischen der falschen Auswahl aus Staatsreligion und Staat über Religion entscheidet, sondern beides im öffentlichen Raum belassen kann, ist viel friedlicher (siehe eine Vielzahl asiatischer Kulturen). Die Kunst ist, lediglich das Rechtswesen von der Religion zu trennen, aber nicht den Staat an sich.